Interview

«Integrative Betreuung ist personenzentriert, umfassend, koordiniert und zugänglich.»

Die neue Studie des Bundesamts für Sozialversicherungen (BSV) legt die Grundlage für die Weiterentwicklung der Betreuung im Alter. «Dank der engagierten Mitwirkung zahlreicher Akteurinnen und Akteure aus Kantonen, Städten, Gemeinden sowie privaten Organisationen bündelt die Studie sowohl das Forschungs- wie auch das Praxiswissen der Schweiz», sagt Thomas Vollmer, Leiter Fachbereich Alter beim BSV. Er hat die vom Forschungsbüro BASS durchgeführte Studie in Auftrag gegeben und ordnet die Schwerpunkte und Ergebnisse im Gespräch mit gutaltern.ch ein.

29.01.2024

Wie kam es dazu, dass die Studie «Betreuung im Alter – Bedarf, Angebote und integrative Betreuungsmodelle» die Thematik auf 150 Seiten nochmals in seiner ganzen Breite vertieft?

Das Thema der Betreuung im Alter nimmt an Bedeutung zu, wie der intensivierte Fachdiskurs der letzten Jahre zeigt. Nun liegt gemäss Bundesverfassung Art. 112c die Hauptverantwortung für die Unterstützung von älteren Personen zu Hause bei den Kantonen aber auch der Bund leistet im Rahmen der Sozialversicherungen und den Finanzhilfen an Altersorganisationen wichtige Beiträge. Es gehört somit zu unseren Aufgaben, die angestossene Diskussion zu verfolgen und Lösungsvorschläge zu entwickeln. Wir wollten hierfür mit der Studie eine Grundlage schaffen, bestehende Diskussionsbeiträge bündeln und eine Standortbestimmung vornehmen.

Sie definieren in der Studie neu das Konzept der «integrativen Betreuung im Alter». Warum ist «integrativ» für Sie ein zentraler Begriff?

Wie wir bzw. die Forschenden feststellen mussten, besteht immer noch kein explizites oder allgemein akzeptiertes Begriffsverständnis von guter Betreuung im Alter.

Es war uns deshalb wichtig, das Begriffsverständnis zu schärfen und möglichst präzise zu fassen, da dies im Sinne einer gemeinsamen Diskussionsbasis und für die Weiterentwicklung von konzeptionellen Grundlagen, die Entwicklung und Umsetzung von Massnahmen wichtig ist.

Die von der Paul Schiller Stiftung geleistete Vorarbeit war dabei sehr hilfreich. Der Vorschlag der Studienverantwortlichen zwischen «Hilfe» mittels Dienstleistungen, «Betreuung» als fürsorgliches und förderndes Handeln sowie «Pflege» als Unterstützung im Kontext gesundheitlicher und funktionaler Einschränkungen zu unterscheiden, fiel auf breite Zustimmung.

In einem nächsten Schritt ging es dann um die Frage, was eine gute bzw. «integrative» Betreuung ausmacht. So entstand der Vorschlag, vier Dimensionen - personenzentriert, umfassend, koordiniert, zugänglich - zu unterscheiden.

Die Studie zeigt wieder deutlich auf, wie komplex die Zuständigkeiten bei der Betreuung im Alter und wie hoch die Koordinationsaufwände sind. Welche nächsten Schritte haben Sie geplant?

Die Forschenden empfehlen, dass der Bund bzw. das zuständige Amt BSV sowie die Kantone – federführend ist die SODK – gemeinsam den Lead für die Weiterentwicklung der Altersbetreuung übernehmen und eine gemeinsame Strategie entwickeln, unter Beizug der relevanten Akteurinnen und Akteure.

«Damit das BSV tätig werden kann, benötigt es einen entsprechenden politischen Auftrag.»
Thomas Vollmer, Leiter Fachbereich Alter vom Bundesamt für Sozialversicherungen

In einem zweiten Schritt sollen die rechtlichen Grundlagen sowie Finanzierungsweisen weiterentwickelt werden. Es gilt zu betonten, dass dies die Empfehlungen der Forschenden sind, welche auf ihren Analysen und Schlussfolgerungen basieren.

Damit das BSV tätig werden kann, benötigt es aber einen entsprechenden politischen Auftrag. Ein solcher besteht aktuell nicht. Wir werden uns deshalb vorderhand darauf fokussieren, die Erkenntnisse der Studie zu verbreiten und bei der Bearbeitung der bestehenden Aufgaben aufzunehmen.

Was wünschen Sie sich für die gute Betreuung älterer Menschen in der Schweiz?

Da ich mich schon einige Zeit mit Fragen der Sozialpolitik beschäftige, weiss ich, dass Visionen sehr wichtig sind, es aber für Veränderungen auch Geduld und einen langen Atem sowie eine kontinuierliche Bearbeitung von Themen braucht.

Deshalb wünsche ich mir, dass die Studie wahrgenommen wird und einen Impuls zur besseren Verankerung der Thematik gibt. Gleichzeitig stimmen mich die im Bericht genannten Praxisbeispiele zuversichtlich. Es gibt in verschiedenen Kantonen, Städten und Gemeinde spannende Ansätze und es lohnt sich, diese immer wieder sichtbar zu machen und im Austausch zu bleiben.

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Zur Person

Thomas Vollmer ist Leiter Fachbereich Alter beim BSV. Er hat die vom Forschungsbüro BASS durchgeführte Studie in Auftrag gegeben.