Rückblick Lancierungsanlass
Lancierung Leitfaden gute Betreuung in Altersinstitutionen – inspirierende Diskussionen zur konkreten Umsetzung
Psychosoziale Betreuung ist unabdingbar, um den zunehmend hochaltrigen Bewohnenden in Altersinstitutionen eine gute Lebensqualität zu ermöglichen. Und sie lässt sich schon unter den heutigen Rahmenbedingungen in den Betrieben verankern. Doch was braucht es dazu? Und wo liegen die Knackpunkte und Chancen? An den Live-Talks vom 12. und 15. Januar 2026 wurden diese Fragen lebhaft diskutiert.
«Wenn wir die Lebensqualität der älteren Menschen ins Zentrum stellen, braucht es ein ganzheitliches Bild unserer Arbeit. Neben guter Pflege braucht es gute Betreuung – ohne sie kann Lebensqualität kaum entstehen», betonte Christina Zweifel, die Geschäftsführerin des Branchenverbands CURAVIVA, den Stellenwert der Betreuung gleich zu Beginn der Online-Lancierung, die über beide Veranstaltungen hinweg von über 500 Interessierten aus der ganzen Schweiz verfolgt wurde.
Im Gespräch mit Prof. Dr. Carlo Knöpfel und den anwesenden Institutionsverantwortlichen kristallisierten sich wesentliche Aspekte für die Einführung oder Stärkung der Betreuung heraus:
- Im Alltag steht eines im Zentrum: die individuelle Ausrichtung der Unterstützung der älteren Menschen im ganzen Tagesablauf – vom Bettenmachen über das Essen bis zur Abendgestaltung. Denn Tatsache ist: Neben rund 3 Stunden Pflege und 6 bis 8 Stunden Schlaf bleiben täglich rund 15 Stunden Zeit, die sinnvoll gefüllt werden wollen. Wie unterschiedlich sich eine personenzentrierte Alltagsgestaltung umsetzen lässt, wurde aus den Beispielen der Gesprächsteilnehmenden deutlich – und das zeigen auch die unzähligen Beispiele im Leitfaden. Es gehe darum, für die und mit den Bewohnenden einen Lebensort zu schaffen, den sie mitgestalten. Es ist wichtig, dass sowohl bei den Bewohnenden als auch bei den Angehörigen das Vertrauen entsteht, dass die älteren Menschen den Raum bekommen zu sagen, was sie brauchen und was sie gerne hätten.
- Wesentlich auf betrieblicher Ebene ist das gemeinsame Grundverständnis guter Betreuung, das auf allen Ebenen abgebildet ist – vom Leitbild bis zu den Stellenplänen. «Wenn es gelingt, dieses Grundverständnis im ganzen Haus beim ganzen Personal abzustützen, führt das zu einer interprofessionellen Zusammenarbeit, von der die älteren Menschen den grössten Nutzen haben», betonte Knöpfel. Voraussetzung sind spezifische soziale Fachkompetenzen und klare Zuständigkeiten in der Betreuung, damit diese Hand in Hand mit der Pflege und der Hotellerie erfolgen kann. Wem die Betreuungsfachpersonen unterstellt sind, wird unterschiedlich gehandhabt, wie die Praxisvertreter zeigten. Wichtig ist, dass Betreuung auch organisatorisch hoch angesiedelt und der Pflege gleichgestellt wird.
«Wenn es gelingt, dieses Grundverständnis im ganzen Haus beim ganzen Personal abzustützen, führt das zu einer interprofessionellen Zusammenarbeit, von der die älteren Menschen den grössten Nutzen haben.»
Dem Aufwand steht ein enormer Gewinn gegenüber
Frauke Böni, Stadträtin von Bülach sowie Stiftungsrätin und Verwaltungsrätin zweier Institutionen, zeigte anschaulich, wie das Bekenntnis zu Betreuung auf allen Ebenen in das Geschehen einer Institution greifen kann: von der Verankerung im Strategiedokument über den Umbau des grossen Speisesaals auf Stockwerk-Küchen sowie Möglichkeiten im Garten mitzuwirken oder den Tagesablauf mitzugestalten bis zur Rikscha, mit der Freiwillige die Bewohnenden an Wunschorte ausfahren können. Die Veränderungen werden von allen sehr geschätzt.
Der Aufbau und die Verankerung der psychosozialen Betreuung als fester Bestandteil der Institution sind mit Aufwand verbunden. Doch die Referentinnen und Referenten waren sich einig, dass der Gewinn den Aufwand aufwiegt. «Gute Betreuung wirkt präventiv! Wenn eine Institution dieses Thema aktiv betreibt, verbessert sich die Lebensqualität der Bewohnenden messbar: weniger Klingeln, weniger Unruhe, depressive Verstimmungen nehmen ab, die Reservemedikationen werden weniger gebraucht», betonte Markus Buck, ehemaliger Leiter des Alterszentrums Haus Tabea Horgen und heute Verwaltungsrat Wohnen & Pflege der Peteracker AG Rafz.
«Die Bewohnenden fühlen sich als ganzer Mensch mit einem Rucksack an Erfahrungen gesehen – nicht nur als Körper mit Diagnosen», bestätigt Simon Eugster, Leiter Soziales in der Stiftung für Betagte in Münsingen. «Und das gibt zugleich neuen Schwung für die Mitarbeitenden, die ja mit Herzblut an der Arbeit sind und sich für die alten Menschen engagieren.» Auch das Vertrauen und die Zufriedenheit der Angehörigen werde gestärkt und damit letztendlich auch die Reputation einer Institution.
«Die Bewohnenden fühlen sich als ganzer Mensch mit einem Rucksack an Erfahrungen gesehen – nicht nur als Körper mit Diagnosen.»
Und die Finanzierung?
Natürlich war auch die Finanzierung ein grosses Thema: Was ist mit der heutigen Betreuungstaxe möglich? «Wenn Pflegeleistungen gut abgerechnet werden, bleibt erfahrungsgemäss etwas übrig für Betreuung, sei das für die Ausbildung von FaBes oder für Fachleute aus sozialen Disziplinen», zeigte sich Simon Eugster trotz der engen und komplizierten Rahmenbedingungen überzeugt. «Wichtig ist, dass nicht zulasten der Pflege gespart werden darf. Betreuung und Pflege müssen immer Hand in Hand gehen.»
Auf die Frage nach ihrer Lieblingsseite im Leitfaden nannte Christina Zweifel die Seite 74: «Für uns war es zentral, dass wir mit dem Leitfaden auch aufzeigen, was die Politik machen muss, um gute Betreuung zu verankern – in der Finanzierung und in der sozialpolitischen Anerkennung als wichtiger Teil der Arbeit mit Menschen im Alter. Da bleiben wir als Verband dran.»
Ganz konkret: Wie geht es weiter?
Der Leitfaden liefert Bausteine für die operative und strategische Umsetzung. «Und ich sage bewusst Bausteine: Der Leitfaden bietet Hilfen und Anregungen für ganze viele Aspekte. Jede Institution kann dort anknüpfen, wo es für sie Sinn macht», so Knöpfel. CURAVIVA und die Paul Schiller Stiftung werden auch die gemeinsame Arbeit und den Dialog weiterführen.