Studienpräsentation, 3. September 2021

Betreuung im Alter für alle ist machbar – das Wichtigste von der Studienpräsentation

Im Fokus stand an diesem Tag die neue Studie der Paul Schiller Stiftung über die Kosten und Finanzierung guter Betreuung im Alter. Die Veranstaltung vom 3. September 2021 in Aarau zeichnete sich durch eine Vielzahl von Aussagen und Begebenheiten aus, die in Erinnerung bleiben werden.

Bereits zu Beginn lieferten die Videoeinspielungen interessante Einblicke. So erklärte Marco Müller, Geschäftsleiter des Zentrums Kirchfeld in Horw: «Wir müssen schauen, dass wir nicht zuviel Betreuung leisten – weil das die Bewohnerinnen und Bewohner aus dem eigenen Portmonaie bezahlen. (…) Das ist einem Land wie der Schweiz nicht würdig.» Damit rückte der engagierte Fachmann allen Anwesenden eindrücklich ins Bewusstsein, welche Lücke besteht und zu welchen Herausforderungen diese führen kann.

Heiniger: «Der Staat tut gut daran, wenn er sich an der Finanzierung der Betreuung beteiligt.»

Thomas Heiniger, ehemaliger Gesundheitsdirektor des Kanton Zürichs und Mitglied der FDP, betonte in seinem Videostatement: «Der Staat tut gut daran, wenn er sich an der Finanzierung der Betreuung beteiligt.» Solche klaren Aussagen lassen erkennen, welchen Wert die Betreuung hat und wie wichtig es nun ist, die gesellschaftliche und politische Debatte zu führen. Deshalb zeigt die Paul Schiller Stiftung mit ihrer Studie was gute Betreuung für alle Betagten kostet und wie diese mit einem Betreuungsgeld für Betreuungszeit finanziert werden soll.

Liechtenstein zeigt, wie’s geht

Das Fürstentum Lichtenstein konnte bereits Erfahrungen mit einem Pflege- und Betreuungsgeld für zuhause sammeln. Die gemachten Erfahrungen brachte die Leiterin der Fachstelle, welche die Abklärungen durchführt, in die Podiumsdiskussion ein: Marianne Kaltenbrunner zeigte auf, dass ein solches Betreuungsgeld – wie es auch die Studie in ihrem Synthesmodell vorschlägt – machbar ist. In Erinnerung bleibt dabei aber auch der Vorwurf «Du sitzt immer bei der Mama…». Dies zeigt, wie wichtig die Angehörigen sind: ohne sie funktioniert nichts – aber auch sie kommen an ihre Grenzen.

Nationalrätin Flavia Wasserfallen betont den hohen Wert der Studienresultate. Aber sie macht auch klar: «Gute Ideen werden von der Politik nicht einfach so umgesetzt.» Um Grundlegendes zu verändern, braucht es den Druck auf die Politik, aus der Fachwelt, von Betroffenen. Die Politiker müssen hören und spüren, wo der Schuh drückt. Und sie müssen es immer wieder hören. Das setzt eine grosse Portion Durchhaltevermögen aller Mitengagierten voraus.

Aufzeichnung der Studienpräsentation

Auf Kitas folgt die Betreuung älterer Menschen

Die Politologin Miriam Wetter, welche die Stabstelle «gute Betreuung im Alter» für die Paul Schiller Stiftung führt, griff in ihrem Ad-hoc-Fazit spannende Aussagen des Tages auf und führte die Gedanken weiter. So zeigte sie die Parallelen zur politischen Entwicklung in der Kinderbetreuung auf:

Vor 30 Jahren waren die Kitas ein Ort, wo man die Kinder hinbrachte, wenn es halt nicht anders ging. Kitas hatten ein schlechtes Image. Dies hat sich allerdings grundlegend geändert. Dieser Wandel gipfelte in der Tatsache, dass im Corona-Lockdown 2020 die Kitas zu systemrelevanten Betrieben wurden. Miriam Wetter erinnert sich: «Vor 15 Jahren, als ich mein erstes Kind bekam, wurde soviel gemacht, dass ich ja nicht aufhöre zu arbeiten. Es kann doch nicht sein, dass ich in den nächsten 15 Jahren doch noch aufhören muss zu arbeiten, weil die Unterstützung fehlt, wenn ich meine Eltern und Schwiegereltern begleiten muss.» Die Diskussion um Vereinbarkeit von Familie und Beruf wird sich in den nächsten 15 Jahren um die Frage der Betreuung alter Menschen drehen – nicht mehr um diejenige der Kinder. Betreuende Angehörige leisten eine sehr wichtige Arbeit, ohne sie ginge es nicht – wir müssen diese Ressource erhalten und sie entlasten.

Zugang zum Betreuungsangebot

Miriam Wetter betonte weiter, wie wichtig der Zugang zum Betreuungsansgebot ist. Dies zeigt sowohl die Studie als auch Erfahrungen, die das Publikum vor Ort und im Chat einbrachte. Es gilt, die Menschen zu erreichen und die Angebote bekannt zu machen, damit Hilfe anzunehmen zur Normalität wird. Diese aufsuchende Arbeit, die ersten Kontakte, der Beziehungsaufbau, das Dort-sein-wo-die-Menschen-sind ist auch Arbeit. Das braucht Fingerspitzengefühl, Wissen, Kompetenzen und viel Geduld. Und auch das kostet. Deshalb ist diese Arbeit Teil des Finanzierungsmodells, das die Paul Schiller Stiftung vorgestellt hat. Und nur mit diesem Element wird ein Finanzierungsmodell zu einem gelingenden Modell!

Im Umgang mit älteren Menschen hört man vielleicht noch die Forderung: «Es soll mal jemand meine Fenster putzen!» Aber niemand verlangt: «Es soll mal jemand mit mir Kaffee trinken.» Erst wenn unsere Gesellschaft begreift, dass Fensterputzen soviel mehr sein kann als saubere Scheiben, dann macht es plötzlich Sinn, eine überqualifizierte Raumpflegerin einzusetzen. Es ist substantiell, diesen Wert der Haushaltshilfe zu erkennen.

Der 3. September hat gezeigt: gute Betreuung im Alter für alle ist machbar. Bleiben wir dran!

Die Lücke bei der Betreuung jetzt schliessen

Studienresultate, Podiumsdebatte und die Wortmeldungen zeigen: Es besteht eine Versorgungslücke in der Betreuung. Wir müssen diese Anpacken und mit einem schlauen Finanzierungsmodell schliessen. Die Paul Schiller Stiftung wird den 2018 gestarteten Dialog weiter führen und diese Bestrebungen weiter unterstützen. So zum Beispiel mit Stadtgesprächen, von denen das erste im Januar 2022 in Schaffhausen stattfinden wird; oder weiteren «Impulspapieren» und zahlreichen Informationen auf der Website und im Newsletter.