Interview

«Menschen zwischen 65 und 80 Jahren haben das beste Wohlbefinden»

Ältere Menschen verfügen über wichtige Lebenskompetenzen, die es besser zu fördern gilt. Die Psychologin Dr. phil. Anne Eschen von GERONTOLOGIE CH erklärt im Interview, wie sie sich diese Förderung vorstellt und welche Rolle gute Betreuung dabei spielt. Erfahren Sie mehr zu diesem Thema in ihrem Gastbeitrag.

23.11.2021

gutaltern.ch (GA): Die Paul Schiller Stiftung definiert Betreuung als «psychosoziale Begleitung im Alltag welche es älteren Menschen ermöglicht, ihren Alltag weitgehend selbstständig zu gestalten», sie legt also einen starken Fokus auf die psychosoziale Komponente und die Verankerung im Lebensalltag der Menschen. Welche Rolle kommt dieser Betreuung bei der Stärkung der Lebenskompetenzen zu?

Anne Eschen (AE): Die beiden Definitionen liegen ja sehr nahe beieinander. Es gibt ganz viele Überschneidungen zwischen den Handlungsfeldern bei der guten Betreuung und den Lebenskompetenzen. Bei der Betreuung geht es nicht nur darum, den Menschen beispielsweise im Haushalt eine Arbeit abzunehmen, sondern es gehören auch fördernde Handlungen dazu. Etwa durch die Beratung vor einem Entscheid: Da gilt es aufzuzeigen, welche Möglichkeiten es gibt und was ihre Vor- und Nachteile sind.

(GA): Was macht denn Lebensqualität im Alter aus?

(AE): Da spielen verschiedene Faktoren eine Rolle. Einerseits die objektiven Eigenschaften und Fähigkeiten einer Person. Dann auch Merkmale der Umwelt, in der die Person lebt, dazu gehören u.a. soziale Beziehungen, aber auch die Finanzen. Wichtig sind zudem die Gefühle: wie fühlt sich ein Mensch in der aktuellen Lebenssituation? Und das Wichtigste ist die psychische Komponente: Wie bewertet eine Person subjektiv all die genannten Faktoren? Dazu ein Beispiel: Im Alter kommt es zunehmend zu Einschränkungen, wie Seh- und Hörvermögen, auch geistig ist man vielleicht nicht mehr so fit. Man würde erwarten, dies beeinträchtigt die Lebensqualität. Doch es ist paradox: Menschen zwischen 65 und 80 Jahren haben das beste Wohlbefinden. Das hängt vom subjektiven Bewerten ab: ältere Menschen beurteilen ihre Lebenssituation anders. Sie fokussieren sich auf das, was sie noch können: Meine Kraft reicht zwar nicht mehr für einen ganzen Garten, aber für die Blumen auf meinem Balkon. Durch psychische Anpassung fühlen sie sich trotzdem wohl.

(GA): Welche Lebenskompetenzen sind im Alter besonders wichtig?

(AE): Die Lebenskompetenzen sind in jedem Lebensalter wichtig. Im Alter sind Kommunikation und soziale Kompetenzen besonders wichtig, um Unterstützung zu erhalten und um soziale Beziehungen zu stärken. Stressbewältigung und Entscheidungsfähigkeiten spielen vor allem eine Rolle bei der Bewältigung von eigenen gesundheitlichen Problemen oder von denen naher Angehöriger. Ältere Menschen haben ein besonders hohes Bedürfnis nach Selbstreflexion und Emotionsregulation. Bei Selbstreflexion geht es darum, das eigene Leben anzuschauen: Was waren schöne Erlebnisse, welche nicht? Aber auch darum, mit dem näher rückenden Tod klarzukommen.

(GA): Die Betreuenden fördern mit der Stärkung, der Unterstützung und dem Aufbau von Lebenskompetenzen die psychische Gesundheit im Alter und damit den Verbleib in der eigenen Wohnung – und erbringen so auch einen volkswirtschaftlichen Nutzen?

(AE): Das ist so. Wer kein Umfeld hat, keine eigenen Kinder, keinen Partnerin oder Partner, keine engen Freundinnen oder Freunde, die unterstützen, geht in viel früher ins Alters- oder Pflegeheim als andere. Und auch dort ist es wichtig, dass sie Besucherinnen und Besucher haben, die mit ihnen sprechen, die Besorgungen für sie erledigen. Wenn es diese informellen Betreuerinnen und Betreuer nicht geben würde, wären die Kosten für die Volkswirtschaft riesig.

(GA): Mit den von Ihnen geschaffenen Grundlagen arbeitet die Stiftung Gesundheitsförderung Schweiz mit den Kantonen zusammen in sogenannten Aktionsplänen. Die Kantone gestalten dort Massnahmen zur Stärkung der Lebenskompetenzen älterer Menschen. Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, um die Lebenskompetenzen der älteren Menschen in der Schweiz zu stärken, was würden Sie sich wünschen?

(AE): Die bisherigen Aktionspläne enthalten vor allem Massnahmen für Bewegung, und Ernährung, selten welche für die psychische Gesundheit. Ich würde mir wünschen, dass bei den Fachleuten, aber auch in der Bevölkerung und bei den älteren Menschen selbst, eine Sensibilisierung stattfindet, dass es wichtig ist, die Lebenskompetenzen älterer Menschen zu stärken. Zudem würde ich mir wünschen, dass dafür tatsächlich Kurse für ältere Menschen angeboten werden.