Interview

«Es ist ein grosser Vorteil, wenn sich die Altersarbeit in die Lebensräume der älteren Menschen begibt.»

Mobile Altersarbeit orientiert sich an den individuellen Lebenssituationen der älteren Menschen. Studienautor Riccardo Pardini ordnet die Erkenntnisse und Handlungsansätze ein und verdeutlicht, wie die Publikation dabei helfen kann, eine wirksame Strategie zu erarbeiten.

22.09.2025

Riccardo Pardini, Sie haben mit der Studie erstmals die mobile Altersarbeit in der Schweiz erforscht. Was hat Sie dabei und im Austausch mit den Fachpersonen aus der Praxis am meisten überrascht?

Überrascht hat mich die Tatsache, dass trotz der – teils sehr – unterschiedlichen Projekte, die Grundüberzeugung bei allen dieselbe ist. Nämlich, dass es ein grosser Vorteil ist, wenn sich die Altersarbeit in die Lebensräume der älteren Menschen begibt und sich aktiv darum bemüht mit ihnen in Kontakt zu treten. Konventionelle Angebote der Altersarbeit wie Beratungsstellen reichen heute in einer stark individualisierten Gesellschaft nicht mehr aus, ältere Menschen in ihren Anliegen effektiv zu unterstützen.

Mobile Altersarbeit kann sehr unterschiedlich ausgestaltet sein. Ihre Studie führt drei Handlungsorientierungen aus. Welche Erfolgsfaktoren sind diesen Ansätzen gemein oder worauf kommt es an?

Der Schlüssel zum Erfolg liegt in der Kombination der Handlungsansätze. Mit der Sozialraumarbeit erhält die Fachperson ein Bild der besonderen Gegebenheiten ihres Einsatzgebietes: Wo halten sich die älteren Menschen auf? Welche Angebote sind vorhanden? Welche Hindernisse findet die ältere Bevölkerung vor? Die aufsuchende Orientierung zwingt die Fachpersonen, sich an die Orte zu begeben, an welchen sich die älteren Menschen tatsächlich aufhalten, um dort in einer sehr alltagsnahen Atmosphäre und Gesprächssituation in Erfahrung zu bringen, wo der Schuh tatsächlich drückt. Letztlich bieten die soziokulturellen Ansätze die Chance, den sozialen Zusammenhalt zu stärken, damit die älteren Menschen eingebunden bleiben und nicht zu Vereinsamen drohen. Wenn man die drei Ansätze miteinander verknüpft, entstehen die wirksamsten Strategien der mobilen Altersarbeit.

Die Publikation betont das grosse Potenzial der mobilen Altersarbeit. Wer jetzt die Studie liest und selbst auch loslegen will: Worauf sollen Gemeinden oder andere Trägerschaften beim Aufbau einer mobilen Altersarbeit achten?

Wie jede erfolgreiche Innovation benötigt auch der Aufbau einer mobilen Altersarbeit genügend zeitliche und finanzielle Ressourcen, damit das Fachpersonal tatsächlich zugehend, vor Ort arbeiten kann. Mobile Altersarbeit ist Pionierarbeit. Folglich sind eine gewisse Offenheit und Flexibilität von Seiten der Trägerschaft nötig, um die Ansätze regelmässig zu überprüfen, anzupassen oder sogar zu verwerfen. Nur durch regelmässige Evaluation basierend auf den neusten Erkenntnissen lässt sich der wirkungsvolle Einsatz der mobilen Altersarbeit in einem hochdynamischen Tätigkeitsfeld sicherstellen.

Riccardo Pardini ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut Alter der Berner Fachhochschule. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die kommunale Altersarbeit, Alterspolitik und Betreuung im Alter. In der Fachkommission Alter und Soziale Arbeit setzt er sich aktiv dafür ein, dass die Bedeutung und Wirkung der sozialen Altenarbeit stärker wahrgenommen und anerkannt werden.