Interview
«Die Bedeutung der Prävention wird in Altersarbeit und Alterspolitik gerne unterschätzt.»
Gute psychosoziale Betreuung im Alter hat eine hohe präventive Wirkung auf die ganzheitliche Gesundheit älterer Menschen. Prof. Dr. Martin Hafen, Soziologe und langjähriger Forscher zu Prävention und Systemtheorie, entwickelt in einer von der Paul Schiller Stiftung herausgegebenen Publikation die Argumentationskette, wie Betreuung diese präventive Wirkung entfaltet. Hier ordnet er seine Erkenntnisse ein.
Martin Hafen, Sie befassen sich schon lange wissenschaftlich mit der systemischen Präventionstheorie und Resilienzförderung. Nun haben Sie die Ansätze erstmals so vertieft auf die Betreuung im Alter angewendet. Haben Sie dabei neue Erkenntnisse gewonnen?
Die Bedeutung der Prävention wird in der Altersarbeit und in der Alterspolitik gerne unterschätzt. Das mag damit zusammenhängen, dass jedes Leben endlich ist und dies im Alter deutlicher bewusst wird als in früheren Lebensphasen. Dazu kommt, dass der Gegenpol der Prävention – die Behandlung – im Alter an Bedeutung gewinnt, da der Körper gegen das Lebensende für Krankheiten und sonstige Gebrechen anfälliger wird. Dabei fällt zu oft ausser Acht, dass Gesundheit und Wohlbefinden auch in der letzten Lebensphase aktiv erhalten werden können. Das geschieht dadurch, dass Schutzfaktoren gestärkt und Belastungsfaktoren reduziert werden. Das ist exakt die Aufgabe der Prävention – unabhängig vom Alter der Zielpersonen.
«Systemische Präventionstheorie» klingt wahnsinnig abstrakt – warum ist sie trotzdem hochrelevant für die tägliche Praxis von Altersstellen, Betreuungsfachpersonen und Altersinstitutionen?
Es ist eine Notwendigkeit, dass professionelles Handeln wissenschaftlich abgesichert ist. Die Wissenschaft gewinnt ihre Kenntnisse auf zwei Weisen: Im Vordergrund steht die empirische Forschung mit ihren Studien, z. B. zur Entstehung von Krankheiten oder zur Wirkung bestimmter Massnahmen.
Den zweiten Zugang zum Gewinn wissenschaftlicher Erkenntnis bildet die Theorie. Sie hilft dabei, Forschung zu planen und auszuwerten; zudem bildet sie die Grundlage für die Definition von Begriffen und Konzepten. Wenn man die psychische Gesundheit oder die Resilienz älterer Menschen stärken will, sollte man doch eine konkrete Vorstellung davon haben, was man unter psychischer Gesundheit und Resilienz überhaupt versteht. Für diese Aufgaben eignet sich eine leistungsfähige Theorie wie die Systemtheorie sehr gut.
In der «Frühen Förderung» und in der Jugendarbeit redet man schon lange von Resilienz und präventiven Konzepten. Wieso sollte sich auch die Alterspolitik vermehrt mit Resilienz und Prävention beschäftigen und welche Rolle spielt die psychosoziale Betreuung dabei?
Sowohl Resilienz als auch Prävention sind Konzepte, die nicht nur in der ersten Lebensphase von Bedeutung sind, sondern im ganzen Leben. Nehmen wir als Beispiel die Einsamkeit: Chronische Einsamkeit ist ein psychischer Stressfaktor, der sich während der Adoleszenz und in der letzten Lebensphase besonders stark manifestiert. Dieser Stress begünstigt eine Reihe von Folgeproblemen wie Depressionen, Suchtkrankheiten oder Herzkreislaufproblemen. Wir haben es also mit einem Belastungsfaktor zu tun. Psychosoziale Betreuung im Alter wirkt insofern präventiv, als sie den Belastungsfaktor «Einsamkeit» reduziert und so einen Beitrag zur Verhinderung der Folgeprobleme leistet. Dabei ist Einsamkeit nur einer von vielen gesundheitsrelevanten Faktoren, die durch gute Betreuung positiv beeinflusst werden.
Wenn nun Verantwortliche im Altersbereich die Betreuung besonders wirksam gestalten wollen, worauf sollen sie Ihrer Meinung nach achten?
Altersarbeit hat traditionell einen starken Fokus auf Pflege. Wenn man nun die wissenschaftlich umfassend belegte Bedeutung der psychosozialen Betreuung für die Prävention ernst nimmt, dann muss die Betreuung nachhaltig in den Stellenplänen der Altersinstitutionen integriert werden. Weiter sollte – wie bei der Pflege – garantiert sein, dass die Betreuungspersonen gut ausgebildet sind und von qualitativ hochstehenden Fortbildungen profitieren können. Die Politik schliesslich ist dafür verantwortlich, dass ausreichende Ressourcen für eine quantitativ und qualitativ gute psychosoziale Betreuung im Altersbereich bereitgestellt werden – zum Nutzen der älteren Menschen, ihrer Angehörigen und letztlich der gesamten aktuell stark alternden Gesellschaft.
Prof. Dr. Martin Hafen ist Soziologe und ehemaliger Dozent an der Fachhochschule Luzern HSLU, Soziale Arbeit, Institut für Sozialmanagement, Sozialpolitik und Prävention. Dort hat er sich 22 Jahre lang mit der Präventionstheorie im Rahmen von Lehre, Weiterbildung und Forschung auseinandergesetzt. Im Rahmen seiner Dissertation hat Martin Hafen – auf der Basis der Systemtheorie nach Niklas Luhmann – die Grundlagen für eine themenunspezifische Reflexionstheorie der Prävention bzw. der Gesundheitsförderung erarbeitet.