Mobile Altersarbeit Praxis

«Wir müssen zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein»

Die Altersbeauftragte Lisa Loretan ist für das Altersnetzwerk Gantrisch im ganzen Gebiet aufsuchend unterwegs. Dank der regelmässigen Teilnahme an Veranstaltungen und Treffs der verschiedenen Gemeinden schafft sie das nötige Vertrauen, damit ältere Menschen mit Anliegen auf sie zukommen.

«Frau Zbinden hatte mich schon zwei- oder dreimal gesehen, bevor wir ins Gespräch kamen», erzählt Lisa Loretan vom Verein Altersnetzwerk Gantrisch. «Zum ersten Mal wurde sie durch einen Flyer von uns auf unser Angebot aufmerksam. Den hatten wir einem Versand zum Gesundheitsfragebogen von Pro Senectute beigelegt. Dann sah sie mich offenbar an Seniorenanlässen und an einem Informations-Café zu Demenz. Sie sprach mich vor kurzem an und sagte: ‹Ah, Sie sind doch Lisa Loretan, die sich um ältere Menschen kümmert.› Für Frau Zbinden war entscheidend, dass sie sich in ihrer Lebenswelt abgeholt fühlte. Sie musste mich gut genug kennen, um sich zu trauen, mir von ihrem Anliegen zu berichten.»

Das Beispiel der älteren Frau, wir nennen sie Elisabeth Zbinden, aus dem Gantrisch – eine Region zwischen den Städten Bern, Thun und Freiburg – zeigt, wie viel Hemmungen oftmals abgebaut werden müssen, bis jemand Hilfe in Anspruch nimmt. «Es braucht viel Kontinuität und Begegnungen in verschiedenen Sozialräumen», sagt Lisa Loretan.

Erfolgreiches Erstgespräch öffnet Türen

Elisabeth Zbinden betreut und pflegt ihren Mann. Sie wollte sich informieren, was mit ihm geschieht, wenn sie nicht mehr kann. Sie wollte auch wissen, welche Vorkehrungen sie für diesen Fall treffen muss. «Ich habe damit angefangen, ihr die Möglichkeiten aufzuzeigen. Danach habe ich ihr auch noch weitere Informationen zugeschickt, wo sie sich melden kann. Frau Zbinden fühlte sich ermutigt, als ich ihr sagte, es sei sehr vorausschauend von ihr, rechtzeitig alles abzuklären und aufzugleisen. Zusätzlich konnten wir jemanden aus ihrem Dorf organisieren, der bei dem älteren Ehepaar nun täglich den Holzofen einfeuern geht.»

Es wird von älteren Menschen sehr geschätzt, wenn man sich nach einem Erstgespräch wie versprochen bei ihnen meldet. Wichtig ist, dass sie einen persönlichen Kontakt haben, der sich ihrer annimmt – wenn nötig anonym oder zumindest mit viel Diskretion. «Es ist wahrscheinlich auch ein Generationenproblem, dass sich ältere Menschen so für den Bedarf nach Unterstützung und Betreuung im Alltag schämen. Jüngere Angehörige rufen eher mal die Nummer einer unbekannten Person in einer Beratungsstelle für Altersfragen an. Bei älteren braucht es viel, bis sie den Mut fassen. Menschen wie Frau Zbinden denken oft, alles allein bewältigen zu müssen. Auch wenn sie es aufgrund ihrer Gebrechen eigentlich nicht mehr schaffen. Sie verstecken ihre Verletzlichkeit und ihre psychischen oder sozialen Bedürfnisse.»

Für Altersfragen zusammenschliessen

«Damit ältere Menschen etwas annehmen können, müssen wir mit aufsuchender Altersarbeit zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein.» Um dieser Erkenntnis gerecht zu werden, wurde die dezentrale Informations- und Koordinationsstelle für Altersfragen geschaffen. Dazu haben sich zwölf Gemeinden plus sechs Kirchgemeinden sowie weitere Institutionen in der Region Gantrisch zusammengeschlossen.

Lisa Loretan ist für diese Informations- und Koordinationsstelle verantwortlich. Bei ihr laufen die Fäden zusammen. Sie dient als Kontaktperson. Da sie selbst in der Region lebt, kennt sie die Gegebenheiten gut. Die frühere Kommunikationsleiterin hat eine Weiterbildung zum Thema Altersarbeit und Gerontologie absolviert. «Mein Networking sowie mein dialogischer Ansatz haben sich für diese vermittelnde und koordinierende Rolle als sehr passend herausgestellt. Weil wir auf der grünen Wiese begonnen haben, musste das Angebot auch zuerst bekannt gemacht werden», sagt sie.

Aktiv präsent, dort wo sie sind

«In meiner direkten Arbeit mit den älteren Menschen ist es am wichtigsten, sich in die Zielgruppe, die individuellen Menschen und ihre Geschichten hineinzufühlen. Wir sollten lernen, zuerst einmal nur aufmerksam zuzuhören. Diese Menschen haben vielleicht 80 Jahre selbstständig gelebt. Warum soll ich ihnen jetzt Ratschläge aufdrängen oder Angebote aufzwingen? Ich bin für sie da, ohne paternalistisch zu sein. Für weiterführende Vermittlung zu verschiedenen Anbieterinnen und Anbietern biete ich eine unabhängige Unterstützung an. Ältere Menschen entscheiden letztlich selbst, was sie brauchen. Das will ich ihnen auch lassen. Dieses Menschenbild finde ich essenziell.»

Das Projekt: Altersnetzwerk Gantrisch

  • Ziel ist, dass die ältere Bevölkerung der Region dank einem aufsuchenden Angebot «möglichst lange selbstständig zu Hause wohnen» kann und ihre «soziale Teilhabe» gefördert wird.

    «Wir haben gemerkt: Wenn ich einfach nur im Büro sitze, dann passiert nichts. Deswegen braucht es die aufsuchende Altersarbeit. Ich nehme an bestehenden Veranstaltungen der Gemeinden, Kirchgemeinden sowie Mitglieder-Institutionen teil – Senioren-Nachmittage, Ausflüge für ältere Menschen oder Kaffee und Kuchen. Mein 40% Pensum richtet sich nach ihrem Programm. Zudem planen wir gemeinsame Aktionen. Letztes Jahr haben wir an Adventsfeiern, vor Supermärkten und mit Hilfe der Spitex beispielsweise 830 Sternensuppen mit Infoflyern verteilt.»
  • Die Koordinationsstelle für Altersfragen bietet zusätzlich eine Informationsplattform mit Themengebieten – von Wohnen über Pension bis zu Abschied – auf welche die älteren Menschen und ihre Angehörigen von zu Hause aus Zugriff haben. Ein digitaler Angebotsfinder mit Fragebogen hilft Betroffenen selbst oder ihrem Umfeld bei der Bedarfsabklärung, ohne dazu an einen fixen Ort gehen zu müssen. Reale Erfahrungsberichte verknüpfen Lebensgeschichten mit den passenden Angeboten in der Nähe. Zwei fiktive Figuren «Franz und Vroni» zeigen anhand eines Erklärvideos, wie sich die Koordinationsstelle den Anliegen älterer Menschen annimmt.

Online-Plattformen reichen nicht

«Der Angebotsfinder wird zwar genutzt, aber die persönlichen Begegnungen in einem stimmigen Rahmen sind für die älteren Menschen sehr wichtig. Gerade in einer Welt, in der so vieles nur noch digital zugänglich ist. Das wiederkehrende Sehen und Gesehen werden baut mit der Zeit Hürden und Hemmungen ab. Wenn sich die älteren Menschen an mein Gesicht oder meinen Namen erinnern, dann melden sie sich auch bei mir, wenn sie ein Problem haben.»

Das Projekt befindet sich noch in der Anfangsphase. Es wird durch Mitgliederbeiträge des Vereins finanziert. Initial wurde von der Age Stiftung Starthilfe geleistet. Neben der Teilnahme an Veranstaltungen wären in den zwölf Gemeinden auch regelmässige Präsenz an festgelegten Standorten geplant. Sofern die Rückmeldungen der älteren Menschen den Bedarf bestätigen und sobald Ressourcen sowie Kapazität vorhanden sind.

Auf Gegebenheiten vor Ort eingehen

Eine Herausforderung im Gantrisch sind die Unterschiede der Anliegen in den Ortschaften. Rüschegg im voralpinen Gebiet ist sehr abgelegen und die Dorfteile sind weit verstreut. In weniger ländliche Gemeinden wie Schwarzenburg gibt es Einkaufsläden, einen Bahnanschluss und eine grössere Angebotsvielfalt. «Entscheidend ist die Koordination der Akteurinnen und Akteure rund ums Altern. Ich muss lokal Schlüsselpersonen kennenlernen: engagierte, sozial aktive ältere Privatpersonen, die als Mittlerinnen und Mittler agieren, Trainerinnen im Altersturnen oder Kirchgemeinderätinnen, die wiederum ihr Netzwerk haben.»

Zeitpunkte, Veranstaltungen und Angebote festlegen
An der jährlichen Mitgliederversammlung bringen sich die verschiedenen Mitglieder aktiv ein und genehmigen den Jahresbericht. Lisa Loretan ergänzt: «Mit verantwortlichen Gemeindepolitikerinnen und Gemeindepolitikern pflege ich ebenfalls den Austausch – zu Beginn der Amtsperioden gilt es ihn immer wieder neu aufzubauen. Das Altersnetzwerk Gantrisch ist politisch gut abgestützt. Alle stellen sich hinter das 2019 gemeinsam erarbeitete Altersleitbild der Region. Wir erfahren viel Wertschätzung für unsere Sache. Auch wenn sich nicht alle gleich bewusst sind, wie relevant diese Arbeit in Anbetracht der Überalterung unserer Gesellschaft ist.»

Durch Vernetzung mehr erreichen

Dank dem Netzwerk erfährt Lisa Loretan meist informell von Veranstaltungen für ältere Menschen. «Die Veranstaltungen sind oft natürlich gewachsen und funktionieren irgendwie. Irgendjemand organisiert sie. Ohne offizielle Ankündigungen wissen die Dorfbewohnerinnen und Dorfbewohner davon. Als Aussenstehende kann man oft nicht in Erfahrung bringen, woher sie wissen was wann stattfindet... Daher bin ich überall mobil und unkompliziert unterwegs. Ich kann nicht viel vorausplanen. Es gibt kein Schema X fürs Vorgehen bei Gesprächen oder bei der Triagierung. Es gilt auszuprobieren, zu experimentieren, zu schauen und zu spüren, wie die Reaktionen sind, wenn sie mich per Zufall dort antreffen.

Wenn etwas regelmässig stattfindet, versuche ich immer dabei zu sein. Losgelöste Teilnahmen oder Initiativen ohne Kontinuität bringen nichts. Es spart auch Ressourcen, wenn man nicht jedes Mal wieder bei null anfängt.»

Fazit aus den Erfahrungen im Gantrisch

  • Ohne Kontinuität werden keine Kontakte aufgebaut.
  • Eine offene Haltung sowie ein diskretes, zuverlässiges Vorgehen sind unerlässlich.
  • Zuhören und Empathie sind meist wichtiger als vorgefertigte Lösungsangebote.
  • Oft braucht es nicht viel. Schon ein Gespräch kann älteren Menschen wie Elisabeth Zbinden helfen, um ihre Situation selbst aus einer anderen Perspektive anzuschauen.

Quelle: Diese Geschichten sind im Rahmen der Publikation «Mobile Altersarbeit in der Schweiz» entstanden. Sie veranschaulichen die Erkenntnisse aus der Studie mit episodischen Erfahrungen aus der Praxis. In der Publikation finden Sie Auszüge davon.

Mehr im Projekt-Video (age-stiftung.ch)