Mobile Altersarbeit Praxis

«Wenn ich im Bus drei Stationen fahre, spreche ich die Leute darauf an, ob Sie den Träff schon kennen.»

Drei Perspektiven auf die Mobile Altersarbeit (MoA) Aarau zeigen, wie ältere Menschen gezielt zu aktiv mitgestaltenden Schlüsselpersonen werden. Im Zentrum steht das Beispiel der 79-jährigen Maria-Doina Wälty – aus zunächst zufälligen Begegnungen und Unterstützung entsteht ein langfristiges Engagement für den «MoA Träff» im Telli Quartier. Fachliche Kompetenzen sowie eine klare Positionierung von Politik und Stimmbevölkerung sind unabdingbar, um aufsuchenden Altersarbeit zu verstetigen.

«Ich bin verwitwet und habe keine Kinder. Eigentlich wäre ich ganz allein – aber das möchte ich einfach vermeiden», erzählt Maria-Doina Wälty. Sie wirkt junggeblieben und charismatisch, hat viel erlebt und viel zu erzählen. Sie will an der Gesellschaft teilhaben und sich einbringen.

Wie hat Ihre Geschichte mit der mobilen Altersarbeit in Aarau angefangen?

Maria-Doina Wälty: Drei Jahre ist das her. Das war sehr interessant! Ich war beim Einkaufen und da war ein Infostand. Ich sehe nicht mehr so gut, also bin ich näher hin. Da hat man mir erklärt, welche Unterstützung sie anbieten. Ich gab ihnen meine Telefonnummer und habe einen Flyer erhalten. Dann plötzlich hat mich Frau Fachinger angerufen. Sie konnte mir tatsächlich jemanden organisieren, der mir beim Putzen hilft. Seitdem war ich mit ihr verbunden. Ich konnte immer fragen, wenn etwas war, beispielsweise weil ich eine Nix bin mit all diesen digitalen Sachen. Sie hat mir auch Kontakte vermittelt. Und irgendwann ist sie auf mich zugekommen, ob ich noch aktiver mitmachen möchte. Frau Fachinger weiss gut mit Leuten umzugehen und hat die Erfahrung, was für wen passen könnte.

Was ist heute Ihre Rolle im «MoA Träff»?

Ich bin an den Sitzungen dabei, um Wünsche und Ideen einzubringen. Einmal waren wir von der Telli schon zusammen im Gönhard-Quartier. Dort gibt es den MoA Träff schon länger. Sie haben uns Tee und Kuchen serviert und erzählt, was bei ihnen gut läuft: Informationstisch, Anlässe, Beratung, kleine Vorträge und so.

«Das Programm gibt mir eine Aufgabe und Abwechslung.»

In den Träff-Runden bin ich da, um Fragen zu stellen, zuzuhören, zu erzählen. Ich lerne gern viel. Ich mag gerne Menschen und viel Kommunikation. Es macht mich sehr glücklich und dankbar, dass ich jetzt hier dabei bin und sich das alles so entwickelt hat.

Und die Leute lachen, wenn ich etwas vorstelle. Ich finde nicht immer feine deutsche Worte und bin gebrechlicher als früher – aber ich habe «Success»! Das macht mir grosse Freude. Das Programm gibt mir eine Aufgabe, einen Grund für die Disziplin, regelmässig aus dem Haus zu gehen, um mitzuwirken, und Abwechslung.

Im Alltag, auf der Strasse oder immer, wenn ich im Bus drei Stationen fahre, habe ich einen guten Grund zum «Grüezi» sagen. Dann spreche ich die Leute darauf an, ob Sie den MoA Träff schon kennen, und frage sie, ob sie am Donnerstag mit uns Kaffee trinken wollen. Ich habe so viele Freundinnen gewonnen! Wir bräuchten eigentlich mehr Männer, aber bei denen weiss ich manchmal nicht so recht. Frauen engagieren sich gerne. Auch wenn jemand am Anfang schüchtern ist: Es geht darum, sie mitzunehmen. Andere kommen vielleicht das erste Mal, weil sie eine konkrete Frage haben. Und dann kommen sie wieder, weil es Spass macht bei uns.»

Gibt es für Sie einen Unterschied, ob Sie mit Frau Fachinger beim Träff über ein Anliegen reden oder auf eine Beratungsstelle für ältere Menschen gehen würden?

Ja, das ist ganz etwas anderes. Wenn man gezielt zu einer Beratungsstelle geht, muss es schon schlimm sein. Hier kennen wir die Angebote und einander schon, bevor wir etwas brauchen. Das ist weniger schwierig.

Brücken bauen, Raum schaffen, Menschen zusammenbringen

Ältere Menschen und betreuende Angehörigen kommen oft trotz Mehrfachbelastungen erst mit einem Anliegen, wenn es wirklich nicht mehr geht. Das bestätigt Kathrin Fachinger, Teamleitung MoA aus der fachlichen Perspektive. Mit einem «Bring-Prinzip anstatt einer Hol-Schuld», will die Sektion Gesellschaft der Stadt Aarau mehr Personen mit Informations- und Unterstützungsbedarf erreichen.

2024 sprach sich die Aarauer Stimmbevölkerung mit 73% Ja sehr deutlich für die Verstetigung der mobilen Altersarbeit MoA aus. Seit das Projekt dank der Volksabstimmung zum sogenannten Regelstrukturgebot wurde, wird es nun Schritt für Schritt auf die ganze Stadt ausgeweitet. In diesem Jahr kommen sieben neue Quartiere hinzu, im nächsten zwei und 2027 noch das Stadtzentrum.

Wie gehen Sie vor, wenn Sie neue Orte erschliessen wollen?

Kathrin Fachinger: Meist nehmen wir als erstes den Kontakt mit Engagierten auf, die bereits im Quartier tätig sind. Dann gibt es einen Informationsanlass für die lokale Bevölkerung.

«Je nach Quartier und Bedarf sind die Angebote unterschiedlich: Vernetzung, Vermittlung, Beratung, Informatives, Treffs etc.»

Mit der Zeit entstehen regelmässige Programme und Einsatzorte, an die wir mit unserem mobilen Informationstisch gehen und wo wir sichtbar sind. Je nach Quartierbegebenheiten und Bedarf gestalten sich die Angebote unterschiedlich: Informationen, Beratung, Vernetzung, Begegnung etc. Es ist sind grosse Mehrwerte, dass die mobile Altersarbeit bei uns nicht nur als ergänzende Methode verstanden wird, alles aus einer Hand kommt und die Wege kurz sind.

Die mobile Altersarbeit MoA ist ein Angebot der Stadt selbst. Welche Vorteile sehen Sie durch diese Organisationsform?

Es gibt verschiedene Aspekte. Wir sind vom grossen Aufwand für die Beschaffung von Geldern und Mitgliedern befreit. Wir müssen nicht nach Zeit rechnen. Wir können uns Zeit nehmen, um individuelle Lösungen und Leistungen zu bieten.

Auch wenn Vereine und Stiftungen ebenfalls gute Arbeit leisten: Ich glaube, dass es in Bezug auf die Hemmungen der älteren Menschen hilfreich ist, dass die MoA ein städtisches und steuerfinanziertes Angebot ist. Und durch den partizipativen Ansatz und unser anwaltschaftliches Grundprinzip stellen wir sicher, dass ihre Bedürfnisse wiederum in die Lokalpolitik und Verwaltung gelangen.

Die gesicherte Langfristigkeit ist ein weiterer wichtiger Erfolgsfaktor. Es gibt Begegnungen, die immer wieder stattfinden, bis sich die Menschen trauen, ein Anliegen zu äussern. Mir wird oft gesagt: «Ich weiss, immer am Donnerstagmorgen seid ihr da. Ich brauche es jetzt gerade nicht. Aber es beruhigt mich, dass ich zu euch kommen könnte.» Wir bieten Kontinuität: Kommt einfach, unkompliziert, ohne abschreckende oder versteckte Kosten.

Es gibt ländliche Gegenden, die den aufsuchenden Ansatz wählen, weil die älteren Menschen sonst nicht zu erreichen wäre. Handkehrum sorgt in urbanen Gegenden die Anonymität dafür, dass Menschen nicht voneinander wissen, wenn jemand Hilfe brauchen könnte. Aarau ist zwischendrin. Warum braucht es diesen Ansatz trotzdem?

Die geografischen Gegebenheiten sind meiner Erfahrung nach nicht so wichtig, wie man vielleicht meint. Das Credo «Wenn man sich kennt, nimmt man eher Hilfe an» gilt überall. Es ist eine Haltungsfrage der politischen Gremien, wie man mit den Themen der alternden Gesellschaft und der Vereinzelung vieler Menschen in ihren vier Wänden umgehen will.

Dass viel Bedarf besteht, bestätigen unsere Kontaktzahlen und die Vielfalt an Themen, die aufkommen. Diese Zahlen gehen jedoch nicht einfach auf die Schnelle durch die Decke. Mit der Zeit finden wir Zugang zu den Menschen – eben, weil sie uns kennen.

Die Entwicklung der mobilen Altersarbeit MoA Aarau


2022 war Gute Betreuung im Alter ein Tag mit der mobilen Altersarbeit Aarau unterwegs und erhielt Einblick in die Herangehensweise, Anliegen älterer Menschen, Hürden und Angebote – vom Flyer bis zu Hausbesuchsterminen. Aus Ihrer Sicht als Stadträtin Ressort Soziales, Gesundheit und Alter: Inwiefern hat sich Mobile Altersarbeit (MoA) Aarau in den letzten drei Jahren weiterentwickelt und verändert?

Angelica Cavegn Leitner: Die MoA hat als Pilotprojekt 2020 mit einem iterativen Bottom-up-Ansatz begonnen und ihr Angebot bedürfnisorientiert weiterentwickelt. Wesentlich intensiviert wurde die Zusammenarbeit mit älteren Schlüsselpersonen und die Quartierarbeit. Die grösste Entwicklung ist nun die Verstetigung, bei der das Angebot zu einem festen städtischen Angebot und über drei Jahre auf alle Stadtteile ausgeweitet wird.

Wie ist die strategische Ausrichtung entstanden?

Die Mobile Altersarbeit ist ein integraler Teil der städtischen Quartierentwicklung. Im Altersleitbild 2021 haben wir zudem den Leitsatz festgehalten, dass Menschen bei uns eigenverantwortlich und so lange wie möglich zu Hause alt werden können. Das aufsuchende Angebot und der mobile soziokulturelle Ansatz sind Teil der vier konzeptionellen Pfeiler der mobilen Altersarbeit Aarau: Vernetzung, Quartierarbeit, Information/Beratung und sogenannte seismographische Arbeit – das bedeutet, die Lebenswelten aus der Sicht älterer Menschen wahrzunehmen.

Wir wollten unsere positiven Erfahrungen mit aufsuchender Arbeit im Asyl- und Jugendbereich nutzen. Es galt, sie in den Altersbereich zu adaptieren und vor allem quartierspezifisch zu verankern. Mit der physischen Präsenz konnten wir erst nach der Pandemie starten. Nun sind wir daran, diese auszubauen und in alle Stadtteile zu übertragen. Die jeweiligen Gruppen von Schlüsselpersonen sind dabei zentral. Sie bringen die Bedürfnisse, Aktivitäten und Inhalte ein. Wir schaffen dafür die nötigen Rahmenbedingungen und vernetzen in einem partizipativen Prozess.

In der ersten Phase wurde das Projekt eingeführt von Cécile Neuenschwander, einer Soziologin mit gerontologischem Hintergrund als Koordinatorin des Fachbereichs Alter, und von Kathrin Fachinger als Fachperson aus dem Pflege- und Gesundheitsbereich. Sie hat zudem eine Weiterbildung im Bereich aufsuchende Soziale Arbeit und Prävention und Erfahrung in der Freiwilligenkoordination. Die diversen fachlichen Hintergründe und Kompetenzen der Involvierten waren entscheidend. Unterstützend wirkte ein Projektteam aus lokalen Akteurinnen und Akteuren.

Was waren Ihre wichtigsten Erkenntnisse aus dem Aufbauprozess?

Neben inhaltlichen Learnings, sind konzeptionelle Grundlagen, der politische Wille und geeignete Rahmenbedingungen wesentlich. So ermöglichen wir die Grundversorgung in den Quartieren und fördern den Austausch mit den älteren Menschen. Zudem sollten Projekte langfristig angelegt und finanziert werden, da der Ausbau und die Beziehungsarbeit mehrere Jahre brauchen. Die erfolgreiche Volksabstimmung verdeutlichte die Unterstützung der Aarauer Bevölkerung.

Die langfristigen psychosozialen Wirkungen der MoA lassen sich schwer messen. Doch die lokale Vernetzung, vereinfachte Kommunikation und interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Altersorganisationen verbessern nachweislich den Zugang zu Betreuung im Alter. Durch nachbarschaftliche Nähe und persönliche Bekanntschaft fällt es leichter, Hilfe zu geben und anzunehmen. Die mobile Altersarbeit kann langfristig dazu beitragen, Einsamkeit unter älteren Menschen zu reduzieren und sie einzubinden.

Der Leitsatz «Aus dem Quartier für das Quartier» ist bei der MoA zentral. Inwiefern arbeiten Sie mit Schlüsselpersonen wie Maria-Doina Wälty zusammen, um das Angebot zu den älteren Menschen zu bringen?

Kathrin Fachinger: Auf Quartierebene läuft das meiste über Mund-zu-Mund-Propaganda. Wir sind auf lokal vernetzte ältere Menschen angewiesen, die unser Angebot mitgestalten und helfen, es bekannt zu machen. Die Motivation dafür ist bei unseren sogenannten Schlüsselpersonen unterschiedlich.. Manche suchen direkt nach der Pensionierung eine neue Aufgabe für ehrenamtliches Engagement. Andere haben selbst Bedarf nach Information, Beratung und Vermittlung – und mit der Zeit fragen sie, wie man bei der MoA mitwirken könne.

Wir kommunizieren immer beide Bereiche auf unseren Flyern, Plakaten, Newslettern und in den Quartierbriefen, die wir ein- bis zweimal im Jahr allen über 65-jährigen Bewohnerinnen und Bewohnern per Post verschicken. Wir müssen viel investieren, damit wir in den Köpfen der Menschen bleiben.

Welche Besonderheiten der aufsuchenden Arbeit richtet sich aus ihrer Perspektive spezifisch an ältere Menschen?

Es ist eine interessante Frage, weil sie darauf abzielt, was von der Jugendarbeit auf die Arbeit mit älteren Menschen übertragen werden kann. Die menschlichen Grundbedürfnisse nach Zugehörigkeit und Sicherheit bleiben gleich. Jugendliche eignen sich öffentliche Räume aktiv an. Ältere ziehen sich tendenziell eher zurück. Lebenswelt und der Mobilitätsradius werden kleiner. Am Anfang des Lebens entwickeln wir uns von Abhängigkeit in Richtung Autonomie. Im Alter kippt das irgendwann wieder. Man wird weniger selbstbestimmt – empfindet aber oft mehr Hemmungen, Unterstützungsangebote in Anspruch zu nehmen. Es ist es deshalb unser Ziel, vor Ort unterstützend zu wirken, Raum zu schaffen und Verbindungen herzustellen. Wie das Fallbeispiel von Maria-Doina Wälty bestätigt, ist das sehr wertvoll für den Alltag, die Teilhabe und die Selbstwirksamkeit der älteren Menschen.

Quelle: Diese Geschichten sind im Rahmen der Publikation «Mobile Altersarbeit in der Schweiz» entstanden. Sie veranschaulichen die Erkenntnisse aus der Studie mit episodischen Erfahrungen aus der Praxis. In der Publikation finden Sie Auszüge davon.

Mehr zum Projekt (gesellschaft-aarau.ch)