Mobile Altersarbeit Praxis
«Nach der Begegnung mit dem Infobus war alles nur noch halb so wild»
Im Gespräch mit Tamara Lang und Michael Harr vom Infobus der Pro Senectute beider Basel wird deutlich, welche fachlichen, organisatorischen sowie strukturellen Voraussetzungen notwendig sind, damit aufsuchende Altersarbeit ihre Wirkung entfalten und zum selbstbestimmten Altern im vertrauten Umfeld beitragen kann. Das Fallbeispiel von Peter Mathis zeigt konkrete Veränderungen durch niederschwellige, mobile Informations- und Unterstützungsangebote.
Peter Mathis, 80 Jahre alt, lebt in Niederdorf im baselländischen Waldenburgertal. Der muntere ehemalige Gastronom legt Wert auf ein ordentliches Zuhause, geniesst seine Sonnenterrasse und Baslerläckerli. Seinen Alltag meistert er weitgehend selbstständig, seit seine Frau vor einem Jahr verstorben ist. In der Zeit nach ihrem Tod hat er sich aber zuerst überfordert und blockiert gefühlt.
«Mitten in die Trauer kamen die Ämter: Erbschaftsamt, AHV-Amt plus eine Rechnung von 1’200 Franken. Antworten auf meine Fragen bekam ich keine», erzählt Peter Mathis im Gespräch. «Obwohl die Gemeindearbeiterin von hier alles ausgefüllt hat, ist einfach nichts mehr gegangen. Meine Finanzen und der ganze Papierkram bereiteten mir manche schlaflose Nacht.»
Hilfe dort, wo es auch Käse gibt
Seine Begegnung mit dem Infobus der Pro Senectute beider Basel hat ihm aus dieser belastenden Situation geholfen. «Ich wusste vorher nichts von diesem Infobus. Weil ich immer auf dem Dorfmarkt bin und schaue, was so läuft, und ob es Gemüse oder Käse gibt, habe ich Frau Lang dort angetroffen. Ich sagte mir: ‹Jetzt musst du mal anfragen, ob jemand etwas machen kann.›» Es war das vierte Mal, dass der Bus vor Ort war. Nun kommt er regelmässig einmal im Monat ins Dorf.
Die Projektverantwortliche, Tamara Lang, trank mit Peter Mathis einen Kaffee. Er berichtete ihr von einer Rechnung von 1’200 Franken, die ihm das Erbschaftsamt geschickt hatte, ohne dass er verstand, wofür und wie er das bezahlen soll. «Dann habe ich einen Flyer mit Informationen und einen Termin mit Frau Jaeger, einer der Sozialberaterinnen, bekommen für alles Weitere. Sie hat sich nach der Vermittlung durch Frau Lang ganz schnell bei mir gemeldet – dann war wirklich alles plötzlich nur noch halb so wild. Ich musste nicht mehr alles zehnmal erklären. Bei mir zu Hause hat sie Unterlagen sortiert und kopiert. Sie konnte das mit der fehlerhaften Rechnung klären sowie grad auch die fehlenden AHV-Zahlungen in die Wege leiten.»
Menschen vor Ort anstatt Warteschlaufe-Melodie
Peter Mathis fühlte sich entlastet. «Wenn man sonst irgendwo anruft, kommt immer nur eine Melodie. Endlich ist da eine Frau, die ich kenne, welche ich alles fragen kann, die sich zuständig fühlt für mich.» Wäre der Infobus nicht ins ländliche Gebiet gefahren, wäre es sicher länger gegangen, bis er sich hätte helfen lassen, sagt er. Verwandte hat er keine in der Nähe. Der Nachbar, der ihn unterstützt, könne auch nicht immer alles wissen. «Die Begegnungen mit Frau Lang und Frau Jaeger waren wirklich nützlich – sonst hätte sich alles noch mehr zugespitzt.»
Wie beim Fall von Peter Mathis ist meist bereits das erste Gespräch eine wichtige Entlastung, sagt Tamara Lang. «Die älteren Menschen spüren, dass es Unterstützungsmöglichkeiten gibt. Jemand nimmt ihr Anliegen ernst und etwas kommt in Gang.»
«Beziehung ist entscheidend, damit Beratung erfolgreich ist»
Als Beraterin Soziales und Koordinatorin der aufsuchenden Altersarbeit von Pro Senectute beider Basel ist Tamara Lang oft die erste Kontaktperson. Ihr fachlicher Hintergrund als Sozialarbeiterin mit Vertiefung soziokulturelle Animation bildet das Fundament für ihre vermittelnde Tätigkeit.
«Manchmal haben Personen mit einem sozialen Hintergrund vielleicht einen etwas anderen Ansatz als andere Fachpersonen aus der Altersarbeit. Das Menschenbild ist anders.» Tamara Lang geht auf Passantinnen und Passanten aller Altersgruppen zu – falls sie Angehörige haben oder einen älteren Menschen kennen, der Unterstützung brauchen könnte. «Bei den Erstgesprächen ist eine offene Gesprächsführung, sich Zeit nehmen sowie die ganzheitliche Betrachtung wichtig für die Triage zu weiterführenden Beratungen oder Angeboten.»
Wenn Tamara Lang unterwegs ist, kauft sie Kaffee, Tee und alles weitere ein, sorgt für das Infomaterial und bereitet die Ausstattung im Bus vor. «Ich mache alles, was anfällt, ausser zu fahren. Das übernehmen bei uns Freiwillige.» Nach jedem Einsatz führt sie eine Statistik darüber, welche Themen mit wie vielen Personen wie lange besprochen wurden. «Das ist wichtig – sowohl zur Legitimation nach innen und aussen als auch als Nachweis gegenüber den Stellen, mit denen wir Leistungsvereinbarungen haben.» In den Zeiten im Büro ist sie zuständig für konzeptionelle Anpassungen an die aktuellen Erfahrungen, Koordination mit den freiwilligen Busfahrerinnen und Busfahrern und wenn erforderlich spezialisierten Organisationen, Kommunikationsmassnahmen für die Einsätze und vor allem für die Absprachen mit den Gemeinden.
Individuell auf die Situation eingehen
Für den Infobus gibt es keine fixe Vorgabe, wie die Triagierung funktionieren muss. «Die Anliegen der älteren Menschen sind sehr individuell. Man kann mit uns immer über alles reden, aber wir kommen meist mit einem Thema als Aufhänger: von Vorsorgeauftrag über Ernährung im Alter, digitale Medien bis hin zu Sommerhitze-Tipps, um besser für sich selbst zu sorgen. Da lade ich je nach Thema manchmal auch Gäste mit spezifischer Expertise ein, im Bus mitzukommen. Auch Haushaltsführung und Alltagskoordination kommen oft zur Sprache. Oder klassische Sozialberatung, wie bei Peter Mathis. Meiner Erfahrung nach sind oft fachliche Kenntnisse zu finanziellen Unterstützungsansprüchen oder Versicherungen gefragt.» Das niederschwellige, mobile Angebot ist als «ergänzende Verlängerung der Beratungsstelle» «unentbehrlich» geworden.
Austarieren: aufsuchend, nicht aufdringlich
In Niederdorf wurde der Wochenmarkt als Standort gewählt, in anderen Ortschaften ist es der Volg, die Post oder der Dorfplatz. «Das wird im Austausch mit den Gemeinden festgelegt. Sie kennen die Gegebenheiten und Anliegen der Anwohnerinnen und Anwohner dort. Das ist einfacher, als wenn ich von jedem Dorf eine umfassende Sozialraum-Analyse machen müsste.» Bei den Einsätzen selbst helfen Methoden der Sozialen Berufe für Feinheiten in Formulierungen sowie um mit Menschen ins Gespräch zu kommen. «Aufsuchende Arbeit ist immer ein Austarieren, um nicht aufdringlich zu sein.»
Das Projekt durchzuführen, braucht gemäss Tamara Lang ganz allgemein viel Pragmatismus und Koordination. «Die mobile Altersarbeit ist neben meiner Tätigkeit in der Sozialberatung für zwei Gemeinden sehr ressourcenintensiv. Mein Arbeitspensum wechselt saisonal – von April bis Oktober 60% aufsuchend plus 20% Sozialberatungen; im Winter umgekehrt. Ich übernehme aber auch Stellvertretungen bei Ausfällen. Dadurch kommt es zu Überschneidungen und Engpässen. Mein Ziel ist, dass ich die Kapazität in der Winterpause in Zukunft für Evaluation, Konzeption sowie Weiterentwicklung der aufsuchenden Arbeit nutzen kann.»
Frühzeitigkeit zeigt Wirkung
«Weil ich oft nur der Erstkontakt bin, ist es schwierig abzuschätzen, wie viele der Menschen, mit denen ich rede, tatsächlich zu denen gehören, deren Betreuungsbedarf oder Hilfsbedürftigkeit ohne die aufsuchende Altersarbeit unerkannt geblieben wären. Beispielsweise Armut oder Einsamkeit sieht man niemandem an. Wer körperlich oder psychisch am meisten belastet ist, geht meist nicht mehr aus dem Haus. Diese Menschen treffen uns auch nicht an, wenn wir auf dem Dorfplatz stehen. Wir erreichen sie jedoch indirekt, wenn eine ihnen näherstehende Bezugsperson eine gute Erfahrung gemacht hat und uns weiterempfiehlt.
Der Gesprächs- und Informationsbedarf an den Einsatzorten ist grundsätzlich hoch. Es ist ein grosser Vorteil, wenn wir die Menschen durch das aufsuchende Angebot frühzeitig abholen können, bevor zu viel schiefgelaufen ist. Das sieht man auch am Beispiel von Peter Mathis.»
Auch er findet: «Es kann nicht überall allen geholfen werden. Doch es müssten immerhin alle wissen, dass es so eine gute Beratungsmöglichkeit ganz in der Nähe gibt.»
Das Projekt: Infobus der Pro Senectute beider Basel
- Michael Harr, Tamara Langs Vorgesetzter und Geschäftsleiter Pro Senectute beider Basel, hatte ursprünglich die Idee für den Infobus. «Im Baselbiet braucht es ein Fahrzeug, um das Angebot zu den Leuten zu bringen, die nicht zu uns kommen können. Inspiriert hat uns der bekannte Migros-Verkaufswagen», erzählt er.
- Diese strategische Ausrichtung wurde gewählt, um möglichst flexibel überall auftreten zu können. «Ich bin skeptisch, ob man mit den vorhandenen, festgelegten Strukturen wirklich alle erreicht. Mit dem Infobus haben wir mehr Visibilität – auch als Organisation», so Michael Harr.
- «Die Pro Senectute beider Basel, in die der Infobus eingebettet ist, ist eine eigenständige Stiftung mit eigenem Beratungsangebot und eigenen Dienstleistungen, die ich bei der Triagierung gegebenenfalls anbieten kann. Wenn eine Gemeinde die aufsuchende Altersarbeit macht, haben ältere Menschen vielleicht mehr Vorbehalte oder Hemmungen, einen Bedarf zuzugeben. Bei staatlichen Stellen meinen einige, sie seien mit der KESB in Kontakt», gibt Tamara Lang zu bedenken.
- Als ersten Schritt beim Aufbau des Angebots definierte eine Projektgruppe aus Mitarbeitenden der Sozialberatung und des Kurswesens von Pro Senectute beider Basel die Anforderungen an ein solches Gefährt. Im zweiten Schritt wurden verschiedene Varianten geprüft. Die Entscheidung fiel auf ein für dieses Projekt entworfenes Produkt. In der frühen Umsetzungsphase gingen die Beteiligten in Vorleistung und brauchten die nötige Extra-Energie auf. «Man muss sich trauen, mal etwas auszuprobieren. Und wenn man immer einen Plan B oder C hat, gibt es auch keine Überraschungen.»
- Die Flexibilität des Infobusses erlaubt die Präsenz an Dorffesten, digitale Schulungen auf dem grossen Screen, kleinere sportliche Programme oder Erzählkaffees, wo ältere Menschen miteinander biografische Geschichten und Erinnerungen austauschen.
- «Der Bus ist in einem gewissen Sinn auch ein mobiler Dorfplatz oder ein fahrendes Wohnzimmer, mit einer guten Kaffeemaschine und einer Ausstattung die neben den bilateralen Beratungsgesprächen zum Verweilen, Zusammenkommen und gegenseitigen Kennenlernen einlädt.»
- «Die Zusammenarbeit mit Gemeinden, Fachstellen und lokalen Vereinen ist enorm wertvoll, um die Menschen zu erreichen. Sie kommunizieren auch auf ihren lokalen Kanälen zu unseren Einsätzen.»
- Mit der Zeit ist die Idee gewachsen. Die Aufgaben mussten auf eine Person zentralisiert werden. Tamara Lang ergänzt: «Es war wichtig, meine Stelle zu schaffen, die für diese mobile Altersarbeit zuständig ist. Eine Person, die alles koordiniert, anstatt bestehende Sozialberatende nebenher in den Bus zu schicken. So sind die Ressourcen klar und die Kontinuität gegenüber den älteren Menschen ist gewährleistet. Sie kennen mich mit der Zeit. Das birgt andererseits das Risiko, dass es keine Stellvertretung gibt.»
- Um Hürden abzubauen, ist es äusserst wichtig, dass Vertrauen aufgebaut werden kann. «Die Regelmässigkeit der Begegnungen und der Aufbau einer Beziehung sind entscheidend, damit ältere Menschen eingestehen können, dass sie jetzt gerade Hilfe benötigen – und damit dann die Beratung erfolgreich wird. Besonders auf dem Land sind auch die Professionalität und Diskretion zentral.» Auch Peter Mathis sagte: «Meine Anliegen oder finanziellen Fragen gehen meine Nachbarn gar nichts an. Das weiss dann sonst gleich jeder im Dorf.» Die Anonymität sei mit dem offenen Infobus mitten an hochfrequentierten Orten manchmal herausfordernd, erklärt Tamara Lang. Gleichzeitig soll der Bus ja sichtbar und einladend sein.
- Die Wetterbedingungen beschränken die Einsätze auf Frühling bis Herbst. Der geografische Radius ist durch die Organisationsform als Projekt der Pro Senectute beider Basel gegeben. Tamara Lang sagt: «Wir würden uns freuen, noch mehr Regionen zu diesem mobilen Angebot zu motivieren. Oft scheitert es jedoch an der Finanzierung.»
- Das Infobus-Projekt wird dank Spenden ermöglicht. Ein Teil der Stelle von Tamara Lang ist über das Bundesamt für Sozialversicherungen finanziert, weil auch Sozialberatungen zum Angebot gehören. Einzelne Einsätze werden von der Gesundheitsförderung Baselland unterstützt. Bei einigen Standorten ist die Kontinuität durch eine Leistungsvereinbarung mit der Versorgungsregion gewährleistet.
- Mit 50 Einsätzen jährlich und Überlegungen, vielleicht einen zweiten Bus anzuschaffen, ist die aufsuchende Altersarbeit im Baselbiet heute gut etabliert. «Unser Ziel ist, mit allen Gemeinden Leistungsvereinbarungen treffen zu können. So würde sich das Projekt noch stärker institutionalisieren.»
Fazit – die wichtigsten Learnings:
- Vertrauensbildung, Kontinuität: Die Regelmässigkeit der Einsätze durch eine bekannte Person wird geschätzt.
- Die für die mobile Altersarbeit verantwortliche Person wie Tamara Lang sollte einen ganzheitlichen, psychosozialen Ansatz mitbringen und eine bündelnde, koordinierende sowie vermittelnde Funktion einnehmen.
- Fachkompetenzen und methodische Hintergründe bilden die Grundlagen. Ein pragmatisches Vorgehen hält das Projekt am Leben.
Quelle: Diese Geschichten sind im Rahmen der Publikation «Mobile Altersarbeit in der Schweiz» entstanden. Sie veranschaulichen die Erkenntnisse aus der Studie mit episodischen Erfahrungen aus der Praxis. In der Publikation finden Sie Auszüge davon.
Mehr zum Projekt und Videos des SRF (bb.prosenectute.ch)