Leitfaden Betreuung in Altersinstitutionen

Im eigenen Zuhause sein, auch in der Altersinstitution

Am Leitspruch «Bei sich zu Hause – auch bei uns» orientiert sich das Maison des Bosquets mit seinen 130 Bewohnenden konsequent. Die Leiterin Soziokultur, Ophélie Chaubert, und der Verantwortliche für die Philosophie des Hauses, Emmanuel Dell'Eva, zeigen, wie sich die Grundidee von der Strategie bis zur Zusammenarbeit der Teams, von den Zimmern bis zur Alltagsgestaltung der Bewohnenden niederschlägt.

«Bei sich zu Hause zu sein, auch bei uns, dazu gehört: Wir wollen jede Bewohnerin und jeden Bewohner in ihrer bzw. seiner Individualität kennen. Wir fördern das Zuhausesein, das heisst unter anderem, ihre Ressourcen zu stärken und ihnen das Wort zu geben, ihre Mobilität sowie sozialen Beziehungen zu unterstützen.»

Verständnis guter Betreuung strategisch verankert

Dieses Grundverständnis guter Betreuung ist im Maison des Bosquets in Montreux auf allen Ebenen schriftlich verankert und wird von den Mitarbeitenden aller Bereiche gelebt. Ein langer und wichtiger strategischer Prozess, wie Ophélie Chaubert und Emmanuel Dell'Eva betonen: «Vor 5 Jahren haben wir die Mission neu erarbeitet und davon die Vision, das Leitbild und das Betreuungskonzept abgeleitet. Erst diesen Sommer haben die Mitarbeitenden das Konzept erhalten. Viele sagten uns: ‹Das machen wir alles schon.› Für uns ist das ein gutes Zeichen.»

Interdisziplinäres Zusammenspiel aller Mitarbeitenden

Wichtig ist, dass alle in der Betreuung involviert sind – auch diejenigen, die in der Pflege, der Hotellerie, der Küche oder im Garten arbeiten. «Die Mitarbeitenden mit psychosozialem Ausbildungshintergrund unterstützen die anderen Berufsleute. Sie wirken als eine Art Coach und geben Vorgehensmöglichkeiten und Instrumente zur Hand», führt Ophélie Chaubert aus.

Die Teams auf den Etagen sind interdisziplinär zusammengesetzt. Zu unterschiedlichen Zeitpunkten hat eine andere Disziplin den Lead: am Morgen oft die Pflege, im Verlauf des Tages eher die Soziokultur. «Besonders die Essenszeiten sind Momente der interdisziplinären Zusammenarbeit. Da übernimmt auch das Restaurant-Team wichtige Betreuungsaufgaben.»

Möglichst viel selbst entscheiden und machen

«Bei sich zu Hause sein» bestimmt jeden Aspekt im Maison des Bosquets – von den Zimmern der Bewohnenden über die Alltagsgestaltung bis zum Einbezug der Angehörigen. Vor wenigen Jahren fanden Neuankömmlinge noch standardisierte Zimmer vor, fast alles war da. Heute gibt es nur Bett und Schrank, alles andere bringen die Bewohnenden mit. «Auch für uns ist das verblüffend: Wir gehen von einem Zimmer zum anderen und merken: Wir sind nicht bei uns, sondern bei den Bewohnenden zu Hause», erzählt Emmanuel Dell'Eva.

Die Bewohnenden entscheiden vieles mit und übernehmen weiterhin alles, wozu sie in der Lage sind. Wer selbst waschen will, macht das. Wer das Bett noch machen kann, tut das. «Am Anfang ist es besonders den Pflegemitarbeitenden schwergefallen, ein Bett ungemacht zu hinterlassen. ‹Das gehört doch zu unseren Aufgaben.› Jetzt ist es eine Selbstverständlichkeit. Die Bewohnenden entscheiden auch, wie häufig die Bettwäsche gewechselt wird. Wir sagen ihnen: Ihr seid nicht im Spital und nicht im Hotel. Wir haben zwar Klingeln, wollen sie aber um die Hälfte reduzieren.»

Rhythmus der Bewohnenden bestimmt den Alltag

Die Tagesplanung geht vom Lebensrhythmus der Bewohnenden aus. «Zu Hause hat niemand ein "Aktivitätenprogramm". Wir versuchen, Rituale der Bewohnenden zu unterstützen und Menschen mit gleichen Interessen zusammenzubringen. Nur ein Teil unserer Aktivitäten ist geplant. Zweimal wöchentlich gibt es zum Beispiel eine Wandergruppe. Monatlich kommt der Kindergarten vorbei und wir unternehmen etwas zusammen. Wenn im Sommer unsere hausinterne Kinderkrippe läuft, gibt es täglich eine generationenübergreifende Aktivität. Wir organisieren einen Tanzabend, ein Picknick am See oder einen Besuch bei einem unserer Lieferanten für den hauseigenen Laden. Vieles passiert spontan und wird mit den Bewohnenden pro Wohngruppe definiert. Wer will, kann im Laden mithelfen. Wer zu Hause oft TV geschaut hat, kann das auch hier.»

Bewohnende und Angehörige reden mit

Monatlich findet in jeder Wohngruppe ein «Forum» statt. «Wir geben keine Themen vor. Manchmal geht es ums Essen, manchmal um die Planung von Aktivitäten. Wir stellen Fragen zu alltäglichen Dingen. Das erlaubt, auch Grundlegendes zu reflektieren», fasst Emmanuel Dell'Eva zusammen.

Auch die Rolle des Umfelds ist getreu dem Grundgedanken organisiert: Beim Eintritt der älteren Menschen werden ihre Angehörigen gefragt, was sie bis anhin gemacht haben und ob sie weiterhin bereit sind, das zu tun. Feste Besuchszeiten gibt es keine – wie zu Hause.

Dreimal jährlich finden Treffen zwischen Angehörigen und der Geschäftsleitung statt. Dabei wird immer auch die Mission des Hauses bzw. das Grundverständnis thematisiert. Zudem gibt es eine Gesprächsgruppe von Angehörigen – mit dabei sind Ehepartner, Kinder, Enkel. «Wir reden über das, was sie beschäftigt, über den Tod zum Beispiel. Das ist aber ausdrücklich kein Sprachrohr zur Leitung. Mit konkreten Anliegen gehen die Angehörigen direkt zur Geschäftsleitung.»

Maison des Bosquets, Clarens

Quelle: Dieses Beispiel ist im Rahmen des «Leitfadens gute Betreuung in Altersinstitutionen» entstanden. Geschäftsleitungen, Führungspersonen und Fachpersonen sowie Entscheidungsträger:innen in Altersinstitutionen finden in diesem Leitfaden Grundlagen und Argumente, Instrumente, Methoden und inspirierende Praxisbeispiele wie psychosoziale Betreuung institutionalisiert und konkret umgesetzt werden kann.