Mobile Altersarbeit Praxis
«Das A und O mobiler Altersarbeit ist Beziehungsarbeit»
Die Bevölkerung im Basler Stadtteil Wettstein wurde in den letzten Jahren immer älter. «Deswegen war es wichtig, Treffpunkte und Teilhabemöglichkeiten für die älteren Menschen zu schaffen», sagt Remo Hofmann Co-Geschäftsleiter und Soziokultureller Animator des Quartiertreffpunkts Wettstein. So übernahm das Projekt mit mobilen Ansätzen schweizweit eine Vorreiterrolle für die Altersarbeit. Wie das den Alltag älterer Menschen verändert, zeigt das Beispiel von Margaretha Bissegger.
«Geografische Nähe ist immer ein grosser Vorteil, um ältere Menschen zu erreichen. Sogar zwei Strassen weiter zu gehen stellt im hohen Alter manchmal schon eine Hürde dar», erklärt Remo Hofmann. Deshalb braucht es auch in urbanen Zentren wie der Stadt Basel mobile Altersarbeit. «Unsere Aufgabe ist es, verschiedene geeignete Treffpunkte zu finden. Die Erreichbarkeit ist das wichtigste Kriterium: eine Busstation in der Nähe, keine Absätze auf den Trottoirs, die mit den Rollatoren schwer zu überwinden sind. Es braucht Schattenplätze, ein bisschen Ruhe vor spielenden Kindern, bequeme Sitzgelegenheiten… Wir machen meistens eine pragmatische Sozialraumanalyse mit Stadtteilebegehungen zu verschiedenen Uhrzeiten am Tag. Zudem fragen wir immer direkt die älteren Menschen in unseren bestehenden Gefässen, ob sie sich diese Adresse als Durchführungsort vorstellen können. Das alles dokumentieren wir für unser Reporting und weisen aus, warum wir welchen Ort wählen.» Dass das Projekt auf diesen einen Stadtteil beschränkt ist, hat historische Gründe, weil die Initiative aus der Wettsteiner Quartierarbeit selbst kam. «Die Frage ist immer wieder berechtigt, ob, wo und was effektiv noch einem Bedürfnis entspricht – daher müssen wir unsere Arbeit immer wieder fachlich überprüfen.»
Das Projekt ist heute gut etabliert und strebt nach Planungssicherheit und Kontinuität. «Doch selbst nach Jahren bleibt es schwierig, solche Projekte in eine gesicherte Finanzierung, beispielsweise beim Kanton Baselstadt, zu überführen. Die jährliche Mittelbeschaffung bei Stiftungen verbraucht enorm Ressourcen.»
Mit einem Partizipationsprozess zur mobilen Altersarbeit
Ziel des Projekts «Altersgerechtes Wettstein» war und ist, eine altersgerechte Umgebung zu schaffen, in der ältere Menschen möglichst lange selbstständig wohnen und aktiv am Quartierleben teilhaben. Das Projekt wurde vom Verein «Quartiertreffpunkt Wettstein» initiiert und seit Beginn durch verschiedene Begleitevaluationen unterstützt.
Grundlage war eine partizipative Quartierbefragung 2018. Es wurden Interviews mit Anwohnerinnen und Anwohnern, Organisationen sowie Fachstellen vor Ort und Rundgänge durchgeführt. Die Befragung zeigte, dass sich die ältere Quartierbevölkerung grundsätzlich wohl fühlt, jedoch Bedarf besteht: nach niederschwelligen Begegnungsmöglichkeiten, Dienstleistungs- und Versorgungsangeboten sowie organisierter Nachbarschaftshilfe. Bei einer öffentlichen Auftaktveranstaltung entwickelten wir gemeinsam Ideen und überlegten uns, welche lokalen Ressourcen bereits vorhanden waren, um unsere Ziele zu erreichen. Die Beteiligten begannen, informelle Unterstützungsnetzwerke aufzubauen. Die professionelle Zusammenarbeit auf Quartier- und Stadtebene war essenziell, um die entstehenden Angebote auf die Bedürfnisse und den Bedarf der älteren Menschen auszurichten und zu koordinieren. Die mobile Altersarbeit wurde als Methode ausgewählt, um diejenigen zu erreichen, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, also nicht mehr gut aus dem Haus kommen.
«Ursprünglich kam die Idee direkt aus dem Quartier und von meinen Vorgängerinnen. Damals, 2017, hatte das Projekt einen gesamtschweizerischen Vorbildcharakter. So konnte es sich über Jahre entwickeln, noch bevor es Strategien gab», erzählt Remo Hofmann. «Heute macht unser Ansatz zum Glück immer mehr Schule.» Ein Schlüssel zum Erfolg war, die Altersarbeit immer wieder anhand transparenter Standards unabhängig evaluieren zu lassen und auf wissenschaftlicher Ebene weiterzuentwickeln.
Sich auf ein Quartier und Qualität vor Quantität konzentrieren
Mobile Angebote müssen lokal verankert sein und mit der Zeit für die Anwohnenden zum Ort gehören. «Das A und O mobiler Altersarbeit ist Beziehungsarbeit, darum muss man den Wirkungsradius beschränken. Für einen grösseren Perimeter wäre das gar nicht zu leisten», sagt Remo Hofmann. «Wir verstehen die mobile Altersarbeit als eine ergänzende Methodik zu unseren anderen Projekten in der soziokulturellen Altersarbeit. Wir versuchend dabei nicht, möglichst viele Leute zu erreichen und so schnell wie möglich zu triagieren, sondern das nötige Vertrauen aufzubauen.»
Im Treffpunkt stehen Begegnungen in Gruppen im Vordergrund. Für Einzelfallhilfe ist Remo Hofmann mit unterschiedlichen Beratungsanbietenden im engen Kontakt. «Dieses Netzwerk sind der Luxus einer grösseren Stadt.»
Es braucht ein Zusammenspiel unterschiedlicher Anbietenden, Massnahmen, Aktionen und von Öffentlichkeitsarbeit. Der Verein Quartiertreffpunkt Wettstein verteilt über Sackgeldjobs durch Schülerinnen und Schüler dreimal jährlich Flyer in jeden Briefkasten des Quartiers, um über die aktuellen Angebote zu informieren. Remo Hofmann und seine Kolleginnen und Kollegen sind darauf mit Foto abgebildet, damit man ihr Gesicht kennt. Sie haben den Eindruck gewonnen, dass es überrumpelnd wirken kann, wenn man Menschen auf öffentlichen Plätzen direkt anspricht, und wollen diese Situation ein wenig entschärfen.
Alter nicht nur auf Gesundheitliches reduzieren
«Mein fachlicher Hintergrund – ein Studium in der Sozialen Arbeit – und meine Erfahrungen sind für die verschiedenen Aufgaben des Quartiertreffpunkts Wettstein sehr förderlich. Ich hatte mich schon immer für sozialräumliche, niederschwellige Ansätze interessiert. Angefangen habe ich klassisch in der soziokulturellen Jugendarbeit im Quartier. Nun verfolge ich diesen Ansatz mit älteren Menschen. Die physische Gesundheitsperspektive muss zwar immer mitgedacht werden, aber das Alter sollte nicht darauf reduziert werden. Bei diesen Problemen meldet sich ältere Menschen relativ schnell. Hier im Wettstein kennen die meisten die grossen Anbietenden. Wir begegnen dank der mobilen Herangehensweise eher psychosozialen Anliegen und arbeiten ausgehend von den noch vorhandenen Ressourcen der Teilnehmenden.»
Unterstützung anzunehmen ist mit realen oder empfundenen Hürden verbunden: «Das ist sowieso ein Meta-Problem in unserer Gesellschaft, ganz besonders bei psychologischen Themen. Zudem arbeiten wir mit einer Generation, die nicht dafür bekannt ist, über solche Themen zu sprechen oder Hilfe anzunehmen. Und zu uns kommen 90% Frauen. Wo all die Männer sind, ist mir ein Rätsel. Ein Bedarf nach Unterstützung wäre da. Das bestätigen mehrere Erhebungen.»
Es ist nicht machbar, alle im Verborgenen einsamen älteren Menschen zur Teilnahme zu motivieren, «aber manchmal reicht ein kleiner Schupf – beispielsweise durch Angehörige oder Nahestehende.»
«Er kommt zu uns. Wir müssen nicht zu ihm gehen.»
Die Geschichte der 90-jährigen Margaretha Bissegger veranschaulicht, wie entdeckungsfreudig und gesellig ältere Menschen oft noch ins hohe Alter sind, wenn man ihnen durch mobile Angebote den Zugang ermöglicht.
«Ich bin auf den Quartiertreffpunkt aufmerksam geworden, weil ich einen Zettel zu Hause habe, der mal verteilt wurde. Ich finde es immer interessant, etwas anderes zu machen. Jetzt kenne ich Remo schon gut und erfahre, wenn etwas läuft. Er kommt zu uns. Wir müssen nicht zu ihm gehen. Das ist eine gute Sache. Vorher wusste ich gar nicht, dass es solche Treffpunkte gibt. Ich hatte nur beim Programm hier im ‹Wohnen mit Service› teilgenommen», erzählt Margaretha Bissegger. Der mobile Quartiertreffpunkt Wettstein bereichert ihren Alltag. «Bei allem, was es hier gibt, gehe ich hin! Ich mag die Abwechslung. Bei den Talks wie dem Wettstein Palaver lernen wir Institutionen besser kennen, die ältere Menschen unterstützen. Bei den Veranstaltungen und Festen habe ich viele Leute und neue Sachen kennengelernt.» Remo Hofmann sagt: «Margaretha hat eine unglaubliche Energie für ihr hohes Alter. Es freut mich sehr freut, will sie bei allem dabei sein, was in ihrer Nähe stattfindet.»
Soziale Teilhabe und Selbstwirksamkeit
«Vor kurzem hatten sich die älteren Menschen gewünscht, gemeinsam eine Dragshow zu besuchen. Wir haben den Ausflug altersgerecht gestaltet und zum Beispiel angeboten, die Teilnehmenden zu Hause abzuholen», erzählt Remo Hofmann. «Margaretha ist gemeinsam mit einer Freundin gekommen, die sie bei uns kennengelernt hatte und die den gleichen Weg hat. Das freut mich besonders, weil es zeigt, wie sich unsere Impulse verselbstständigen und etwas verändern. Auch wenn sie die Konzepte nicht zwingend verstehen – sie spüren die Vorteile einer solchen Strategie, die mobile Altersarbeit nicht als Fürsorge, sondern als Ermöglichung versteht. Es zeigt sich deutlich, was unsere Einsätze für die älteren Menschen bedeuten.»
- Fazit: Das Projekt zeigt, wie wirksam soziokulturelle Altersarbeit ist, wenn sie mobil gedacht wird. Entscheidend ist, alltagsnahe Orte zu schaffen, die leicht zugänglich und barrierefrei sind. Es geht nicht darum, möglichst viele oberflächlich zu erreichen, sondern im kleinen Radius möglichst persönliche, verlässliche und vertrauensvolle Kontakte herzustellen. Im Mittelpunkt stehen die psychosozialen Bedürfnisse der älteren Menschen. Der Ansatz hilft ihnen, sich selbst als aktiven Teil der Nachbarschaft zu erleben.
Quelle: Diese Geschichten sind im Rahmen der Publikation «Mobile Altersarbeit in der Schweiz» entstanden. Sie veranschaulichen die Erkenntnisse aus der Studie mit episodischen Erfahrungen aus der Praxis. In der Publikation finden Sie Auszüge davon.