«Das nahende Ende entlastet auch»

Das Hospiz St. Gallen gibt dem Tod einen Platz im Leben. Das junge Team versucht, mit Respekt und Demut Betreuungsarbeit zu leisten. Ebenso wichtig ist ihnen, das Sterben zu enttabuisieren. Denn mit dem Eintritt in ein Hospiz geht das Leben in all seinen Facetten weiter.

Grauer, kühler Sichtbeton zeichnet die Silhouette eines an den Hang gewundenen Hauses – auf den ersten Blick wirkt das Betonhaus der Kirchgemeinde St. Gallen abweisend. Ganz anders der Empfang: warm, freundlich und offen. Obwohl dieser Ort dem Sterben gewidmet ist, wirkt er auf besondere Art lebendig. «In der Palliative Care wollen wir die Bewohnerinnen und Bewohner ganzheitlich wahrnehmen und auf die körperlichen Beschwerden ebenso wie auf die psychischen und spirituellen Bedürfnisse eingehen.» So umschreibt Pflegefachfrau Manuela Gehrig ihr Berufsverständnis.

Im Hospiz St. Gallen kommen auf eine Bewohnerin 1,2 Pfleger, wie Roland Buschor, Leiter des Hospiz, erklärt. «Gerade in der Palliative Care stösst die künstliche Trennung zwischen Pflege und Betreuung schnell an Grenzen. Die komplexen Fälle benötigen in einem besonderen Mass beides. Gleichzeitig lässt der nahe Tod der Betreuungsarbeit mehr Raum, denn wir fokussieren stärker auf psychosoziale als auf die medizinischen Aspekte.»

Die intensive Betreuung kostet. «Ohne Zuwendungen kann kein Hospiz funktionieren», wie Buschor ausführt: «Noch immer sind wir weit weg von kostendeckenden Tarifen. Im Jahr 2018 waren wir auf rund 430 000 Franken Spenden angewiesen, um unser Haus mit sieben Betten zu betreiben.» Dabei ist das Hospiz in die medizinische Betreuung des Kantonsspitals St. Gallen eingebunden und zahlreiche Freiwillige leisten unentgeltliche Arbeit.

Leben bedeutet sterben

Das Hospiz St. Gallen macht öffentliche Führungen, veranstaltet einen Weihnachtsmarkt und betreibt einen eigenen Facebook-Account. «Wir sehen uns mitten in der Gesellschaft. Wir erbringen eine unerlässliche Leistung, damit Menschen würdig sterben können. Deshalb müssen Hospize mehr als fester Bestandteil der Pflege- und Betreuungsinfrastruktur verstanden werden.» Auch die zahlreichen Freiwilligen helfen mit, um die Palliative Care in der Gesellschaft zu verankern.

In der Gallusstadt wird diese Arbeit vom konfessionslosen Verein Hospiz-Dienst St. Gallen koordiniert. Der Verein vermittelt Freiwillige an Spitäler, Institutionen oder Private, die sich zu Hause betreuen lassen. «Oft kennen die Freiwilligen unsere Bewohnerinnen und Bewohner bereits von zu Hause oder aus dem Spital – davon profitiert die Betreuung enorm, denn wir können bereits an einem Vertrauensverhältnis anknüpfen», sagt Daniela Palacio, Leiterin der Pflege im St. Galler Hospiz.

«Wir erbringen eine unerlässliche Leistung, damit Menschen würdig sterben können. Deshalb müssen Hospize mehr als fester Bestandteil der Pflege- und Betreuungsinfrastruktur verstanden werden.»
Roland Buschor, Leiter Hospiz St. Gallen

Letzte Wünsche erfüllen

«Die Selbstbestimmung und die Autonomie der Bewohnenden ist das höchste Gut in unserem Haus», bekräftigt Palacio. «Bereits vor dem Einzug in unser Haus klären wir Wünsche und Erwartungen genau ab.» Für Manuela Gehrig macht dies den Reiz ihrer Aufgabe aus: «In einem Hospiz kann ich wie wohl an keinem anderen Ort als Betreuerin auf den einzelnen Menschen mit seinen Ängsten und Bedürfnissen eingehen. Jeden Tag neu entscheiden, was heute das Leben lebenswert macht.» Für sie eine Lebensschule: «Auch bei mir wird der Moment des Sterbens kommen – zu sehen, wie andere Menschen damit umgehen und was Wichtigkeit bekommt, bereichert mich.»

In einem Abschiedsbuch halten die Betreuenden den Tod der Bewohnerinnen und Bewohner fest und verarbeiten so den Tod. Und im Eingangsbereich erinnern Schmetterlinge aus Papier an die Verstorbenen. Jeder farbige Sommervogel steht für einen verstorbenen Menschen.