Interview

«Es brauchte ein Abklärungsinstrument, welches unserem Verständnis einer guten Betreuung im Alter gerecht werden kann.»

Eine gute Abklärung ist ein Gespräch, das Türen öffnet. Im
Oktober 2024 hat die Paul Schiller Stiftung ein kostenloses Abklärungsinstrument für die Ermittlung des Betreuungsbedarfs veröffentlicht. Prof. Dr. Carlo Knöpfel beantwortet die wichtigsten Fragen zur Publikation und zu ersten Praxiserfahrungen der Gemeinden.

24.07.2025

Warum hat die Paul Schiller Stiftung ein Abklärungsinstrument publiziert?

Das Modell «Betreuungsgeld und Betreuungszeit» aus der Kosten- und Finanzierungsstudie von 2021 und die Erkenntnisse aus dem Impulspapier «Abklärung konkret» von 2022/23 zeigten bereits, wie entscheidend der Abklärungsmoment für eine gute Betreuung im Alter ist. Seither fühlten wir uns durch die diskursiven und politischen Entwicklungen sowohl auf kantonaler als auch auf nationaler Ebene bestärkt: Es braucht ein Abklärungsinstrument, welches unseren Werten und dem zeitgemässen Verständnis einer guten Betreuung im Alter gerecht werden kann. Das grosse Interesse am publizierten Instrument hat seine Notwendigkeit nun nochmals deutlich bestätigt. Wir freuen uns, damit den Dialog rund um eine gute Betreuung weiter unterstützen zu können.

Was zeichnet dieses Instrument im Vergleich mit anderen Vorgehensvorschlägen aus?

Die zwei Publikationen – das digitale Abklärungsinstrument und der dazugehörige wissenschaftliche Fachbeitrag– gehen vom Betreuungsbegriff gemäss der Paul Schiller Stiftung und des Bundesamts für Sozialversicherungen BSV sowie von einem ressourcenorientierten Altersbild aus. Das bedeutet, wir streben eine partizipative und individuelle Abklärung durch Fachpersonen mit psychosozialen, gerontologischen sowie agogischen Kompetenzen an. Dies ist wichtig, um eine ganzheitliche Betrachtung des älteren Menschen, seiner Lebensbereiche sowie seines Umfelds zu ermöglichen – und so die bedarfsgerechte Betreuung zu sichern.

Sowohl das Instrument als auch der Fachbeitrag basieren auf einer Studie, die wir für die Spitex Allschwil Binningen Schönenbuch verfasst haben. Das Abklärungsinstrument orientiert sich an der ICF-Klassifikation, wurde im bio-psycho-sozialen Modell verortet und es wurden geeignete Instrumente aus der sozialen Diagnostik beigezogen. Zudem hatten wir davor eine Analyse bestehender, schweizerischer und internationaler Abklärungstools vorgenommen. Es hatte sich gezeigt, dass bisher keines allen definierten Anforderungen gerecht werden konnte.

Wie wird das Instrument von den Fachpersonen im Rahmen des Abklärungsprozesses angewendet?

Es enthält einen Gesprächsleitfaden mit den grundlegenden Fragestellungen für die Erhebung des Bedarfs. Wir gehen dabei nicht von einem vordefinierten Leistungskatalog aus, sondern vom älteren Menschen und seinen Bedürfnissen. Der Leitfaden soll kein starres Schema zum Abhaken sein. Er soll Raum für einen vertrauten und freien Gesprächsfluss schaffen. Die sieben Abklärungsbereiche – orientiert an den Handlungsfeldern guter Betreuung im Alter – können so auf strukturierte Weise partizipativ durchgegangen werden. Beispielsweise mit Hilfe einer Netzwerkkarte, welche die soziale Teilhabe und Beziehungen erfassen kann. Das digitale Formular überträgt automatisch die Zusammenfassungen der Bereiche in eine Gesamtauswertung des festgesellten Bedarfs der betroffenen Person.

Ziel ist es, am Ende dialogisch mit dem älteren Menschen den konkreten Betreuungsplan auszufüllen, welcher geeignete Leistungen beschreibt, inklusive Rhythmus und Finanzierung. Diese Leistungen sollen zu den definierten Wirkungszielen und zur Resultate-Sicherung beitragen. Gewährleistet wird dies durch das Zusammenspiel verschiedener Kriterien: einerseits der vorhandenen Bedürfnisse der jeweiligen Person andererseits ihres Betreuungsbedarfs – sowie auch den Einschätzungen der abklärenden Fachperson. Sie leitet das Dokument dann von der Beratungsstelle oder aufsuchenden Altersarbeit an die verantwortliche Genehmigungsinstanz weiter und begleitet den älteren Menschen bei der Inanspruchnahme des vorhandenen Angebots.

Das Abklärungsinstrument stiess bei den Fachpersonen auf grosses Interesse. Bisher machen bereits zehn Zürcher Gemeinden bei der Evaluation mit. Im Rahmen eines geplanten dreiteiligen Evaluationsprozesses kamen bereits erste Rückmeldungen der teilnehmenden Gemeinden zusammen. Welches sind wichtige Erfahrungen, die sich in der Anwendung des Instruments in der Praxis bereits gezeigt haben?

Das Abklärungsinstrument stellt die richtigen Fragen. Der zeitliche Aufwand ist für Fachpersonen aus dem pflegerischen Bereich jedoch noch ungewohnt. Es wird sich zeigen, ob es eventuell eine minimale Version bräuchte.

Die Abklärung weckt bei den älteren Menschen auch Erwartungen, denen die Gemeinden mit ihrem begrenzten Angebot leider bisher nicht gerecht werden können. Es braucht eine soziale Tarifierung jenseits der EL-Grenze, weil sich Personen mit einem Einkommen knapp darüber wichtige Betreuungsleistungen bisher ebenfalls nicht leisten können.