Interview

«Es braucht Spielraum statt starrer Leistungskataloge»

Die Allianz für gute Betreuung hat im Zusammenhang mit den ELG-Änderungen eine Eingabe an den Kanton Bern erarbeitet. Sie zeigt, worauf bei der Umsetzung der Betreuungspauschale zu achten ist und wie der Prozess für künftige Beziehende idealerweise aussehen könnte. Julien Neruda, Vorsitzender der Geschäftsleitung von Pro Senectute Kanton Bern und Vertreter der Allianz, ordnet im Kurzinterview ein, worum es geht.

27.08.2026

Die Berner Allianz für gute Betreuung hat sich mit der Umsetzung des neuen ELG beschäftigt. Warum?

Die Bedeutung von Betreuung nimmt stark zu – und der Bedarf wird in den kommenden Jahren nochmals deutlich wachsen. Gemeint ist in erster Linie die psychosoziale Betreuung: Sie unterstützt Menschen dabei, ihren Alltag selbstbestimmt zu bewältigen und sozial eingebunden zu bleiben – und unterscheidet sich damit klar von der Pflege. Die Umsetzung des revidierten Artikels 14 ELG ist deshalb ein zentraler sozialpolitischer Hebel: Die Kantone können nun dafür sorgen, dass ältere Menschen und Menschen mit Beeinträchtigungen, die sich notwendige Betreuung finanziell nicht oder nur schwer leisten können, Zugang zu wirksamen und alltagsnahen Angeboten erhalten. Die Berner Allianz für gute Betreuung bündelt dafür die Erfahrungen des Schweizerischen Roten Kreuzes, von Pro Senectute, Caritas, Pro Infirmis, Alzheimer und dem Entlastungsdienst Kanton Bern.

Nicht die Verordnung oder bestehende Angebote sollen bestimmen, welche Betreuung Menschen erhalten – sondern ihr tatsächlicher Bedarf und ihre Lebenssituation.
Julien Neruda, Vorsitzender der Geschäftsleitung von Pro Senectute Kanton Bern und Vertreter der Allianz für gute Betreuung

Ihr habt dem Berner Regierungsrat Empfehlungen zur Umsetzung der neuen Betreuungspauschale vorgelegt. Was sind die wichtigsten Punkte?

Unser wichtigster Punkt ist: Es braucht keinen starren, abschliessenden Leistungskatalog in Gesetz oder Verordnung. Betreuungsbedürfnisse und Angebote verändern sich – deshalb braucht der Kanton genügend Spielraum, um jene Leistungen zu ermöglichen, die im Alltag am meisten bewirken. Zentral ist für uns dabei die soziale Teilhabe: Gute Betreuung soll nicht nur versorgen, sondern Menschen ermöglichen, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Ein gemeinsamer Mittagstisch kann mehr bewirken als eine Mahlzeit, die nach Hause geliefert und alleine am Küchentisch gegessen wird.

Wo seht ihr bei der Umsetzung die grössten Herausforderungen?

Die grösste Herausforderung ist eine gute – und damit echte – Bedarfsabklärung. Betreuung lässt sich nicht am Schreibtisch und auch nicht allein aufgrund einer ärztlichen Einschätzung beurteilen: Man muss zu den Menschen nach Hause gehen und ihre Lebenssituation als Ganzes verstehen. Dabei geht es nicht nur darum, Unterstützungsbedarf festzustellen, sondern ebenso darum, vorhandene Fähigkeiten und Ressourcen zu erkennen, zu stärken und zu nutzen – gute Betreuung bedeutet immer auch Empowerment und Hilfe zur Selbsthilfe. Deshalb empfehlen wir eine unabhängige Abklärungsstelle, die den Bedarf umfassend erfasst, die vorhandenen Ressourcen konsequent einbezieht und die Menschen dabei unterstützt, die für sie passenden Leistungen tatsächlich und wirksam zu nutzen.

Was passiert nun mit der Eingabe und wie geht es weiter?

Aktuell warten wir gespannt auf die Rückmeldung der zuständigen Regierungsrätin. Mit der Totalrevision der Verordnung hat der Kanton Bern die Chance, seine bisherige Pionierrolle weiterzuführen und einen echten Systemwechsel einzuleiten. Der Regierungsrat wird die Verordnung voraussichtlich in der ersten Hälfte 2027 behandeln, damit die neuen Regelungen per 1. Januar 2028 in Kraft treten können. Entscheidend ist für uns: Nicht die Verordnung oder bestehende Angebote sollen bestimmen, welche Betreuung Menschen erhalten – sondern ihr tatsächlicher Bedarf und ihre Lebenssituation.

Julien Neruda ist Vorsitzender der Geschäftsleitung von Pro Senectute Bern. Mit seinem breiten beruflichen Hintergrund blickt er auf langjährige Führungserfahrung in national und international tätigen NGOs zurück.

be.prosenectute.ch

Allianz für gute Betreuung

Die Berner Allianz für gute Betreuung setzt sich aus den zentralen Non-Profit-Organisationen zusammen, die seit Jahrzehnten eine wichtige Säule der Betreuung im Kanton Bern sind: Entlastungsdienst Kanton Bern, Schweizerisches Rotes Kreuz Kanton Bern, Pro Infirmis Kanton Bern, Alzheimer Bern, Pro Senectute Bern, Caritas Bern. Gemeinsam setzen sie sich für gute Betreuungsleistungen in der Region ein.

gutebetreuung.ch

Eingabe an den Berner Regierungsrat