Politik
Betreuende Angehörige: Tragende Säule mit ungewisser Zukunft
Ein Bericht des Schweizerischen Gesundheitsobservatoriums (Obsan) im Juni-Bulletin zeigt: Heute kann jede sechste Person ab 65 Jahren wöchentlich auf die Unterstützung von Angehörigen zählen. Bis 2040 dürfte dieses private Betreuungsnetzwerk jedoch aus demografischen Gründen merklich schrumpfen, während der Betreuungsbedarf gleichzeitig deutlich zunimmt. Dem ohnehin bereits stark belasteten Sozial- und Gesundheitssystem droht ein Mangel an informeller Betreuung, was neue Entlastungs- und Unterstützungsnetzwerke dringend erforderlich macht.
Der Bericht analysiert das Ausmass informeller Betreuung älterer Menschen (65+) durch Angehörige in der Schweiz. Da es keine einheitliche Erhebung dazu gibt, basiert die Schätzung auf verschiedenen nationalen Erhebungen mit unterschiedlicher Methodik, die Zahlen sind deshalb als Annäherung zu verstehen.
Zentrale Eckwerte
- Rund 1,4 bis 1,7 Millionen Personen in der Schweiz betreuen Angehörige.
- Ein grosser Teil ist selbst bereits mindestens 45 Jahre alt, und rund die Hälfte ist erwerbstätig. Sie muss Beruf, Familie und Betreuung vereinbaren.
- Jede sechste Person ab 65 Jahren erhält regelmässig (mind. 1x pro Woche) Betreuungsleistungen von Angehörigen – das sind zwischen 217'000 und 459'000 Personen.
- Mehr als die Hälfte davon wird bereits seit über sechs Monaten unterstützt.
- In den meisten Betreuungsverhältnissen ist der Zeitaufwand gering, doch in 23% der Fälle liegt er bei über sieben Stunden pro Woche.
Art der Betreuungsleistungen
- Am häufigsten sind Begleitung und emotionale Unterstützung (78%), Haushaltshilfe (51–76%), administrative/organisatorische Aufgaben (68%).
- Eigentliche Pflege- oder Körperpflegeleistungen sind seltener (23–34% der Fälle).
- Meist unterstützen erwachsene Kinder oder Ehepartner:innen ihre Eltern/Schwiegereltern (71%).
Entwicklungsprognose
- Die Zahl potenzieller Betreuender dürfte um mindestens 19% zurückgehen (demografisch bedingt: kleinere Haushalte, weniger familiäre Bindungen, gesellschaftlicher Wandel).
- Gleichzeitig dürfte der Bedarf an informeller Betreuung deutlich steigen (Verlust der Selbstständigkeit, Alterung).
- Bis 2040 könnten damit 41'000 bis 87'000 weniger ältere Menschen von Angehörigen betreut werden (1,7–3,7% der Altersgruppe 65+).
Konkret heisst das: Es droht eine wachsende Lücke zwischen Betreuungsbedarf und verfügbaren betreuenden Angehörigen. Diese Lücke muss durch professionelle Angebote (Spitex, Heime) oder professionell unterstützte informelle Netzwerke (Nachbarschaft, Freiwillige, Vereine) aufgefangen werden – mit unsicherem Ausgang, da solche Netzwerke tendenziell weniger intensiv und verbindlich unterstützen als nahe Angehörige. Der Bericht fordert, dass Kantone diese Entwicklung bei ihren Strategien zur Altersbetreuung zwingend berücksichtigen, insbesondere im Hinblick auf die Förderung des Verbleibs zuhause.
Im Kontext der Betreuungspauschale im ELG
Der Bericht liefert damit ein starkes Argument für eine aktive Kommunikation und niederschwellige Ausgestaltung der neuen Betreuungspauschale – sie könnte einen Teil der wegfallenden informellen Unterstützung durch professionelle, finanzierte Angebote kompensieren helfen, gerade für ältere Menschen ohne (ausreichend) betreuende Angehörige.
Quelle
Dutoit, L. & Pellegrini, S. (2026). Betreuende Angehörige: Bestandesaufnahme und Perspektiven für die Unterstützung älterer Menschen (Bulletin 03/26). Neuchâtel: Schweizerisches Gesundheitsobservatorium.